Lena legte das Telefon zur Seite. Kurz darauf verstummte im Wohnzimmer der Fernseher. Sie wartete, bis auch die letzten Schritte im Flur verklungen waren, dann ging sie zurück ins Schlafzimmer. Ohne sich umzuziehen ließ sie sich auf das Bett fallen, quer über die Decke. Der kleine Porzellanhund auf der Kommode starrte sie mit seinen blanken Glasaugen an, reglos, beinahe vorwurfsvoll.
Am Wochenende fuhr Lena zu ihren Eltern. Schon beim Eintreten umfing sie der vertraute Geruch nach Kaffee und frischem Teig. Ihre Mutter stand am Herd und briet Pfannkuchen, der Vater schraubte im Hof an ihrem alten Fahrrad, das er seit Jahren immer wieder instand setzte, und ihre jüngere Schwester wollte sie überreden, gemeinsam eine neue Serie zu beginnen. Alles war wie früher. Seit zwei Jahrzehnten hatte sich in diesem Haus kaum etwas verändert – jedes Möbelstück, jedes Bild hing an seinem angestammten Platz.
„Und, wie geht es Sebastian?“, fragte die Mutter beim Abendessen beiläufig.
„Gut“, antwortete Lena knapp.
„Und Frieda Winter? Wohnt sie noch immer bei euch?“
Lena stocherte in ihrem Salat. „Die Renovierung zieht sich.“
Ihre Mutter wiegte leicht den Kopf, sagte jedoch nichts weiter. Der Vater räusperte sich in seine geballte Faust, als wolle er etwas hinzufügen, ließ es dann aber bleiben. Die Schwester verdrehte nur stumm die Augen. Es war offensichtlich, dass alle verstanden, was unausgesprochen im Raum stand. Doch niemand hielt ihr Vorträge oder erteilte Ratschläge. Genau dafür liebte Lena ihre Familie.
Am Sonntagabend stand sie auf dem Bahnsteig des Regionalzugs und verspürte einen heftigen Widerwillen zurückzufahren. Vielleicht könnte sie noch eine Nacht bleiben? Doch der Gedanke an den Montagmorgen, an das Meeting um neun Uhr, holte sie ein.
Sebastian öffnete ihr die Tür. Sein Lächeln wirkte schief, fast schuldbewusst.
„Na, wie war’s bei deinen Eltern?“
„Schön. Und hier?“
Er zögerte. „Nichts Besonderes. Mama hat nur ein bisschen… aufgeräumt.“
Ein seltsames Frösteln kroch Lena den Rücken hinauf. Sie ging ins Schlafzimmer – und blieb wie angewurzelt auf der Schwelle stehen.
Der Raum war kaum wiederzuerkennen. Die luftigen weißen Vorhänge waren verschwunden, stattdessen hingen schwere, dunkelrote Gardinen vor den Fenstern. Über dem Bett lag nicht mehr ihre schlichte Leinenüberdecke, sondern ein üppig bestickter Überwurf. Ihre Kommode war fort. An ihrer Stelle stand nun eine altmodische Glasvitrine, dicht gefüllt mit Porzellantassen, Likörgläsern und gerahmten Fotografien.
„Wo sind meine Sachen?“, fragte sie tonlos.
„Im Schrank“, murmelte Sebastian hinter ihr und trat von einem Fuß auf den anderen. „Mama meinte, die Kommode sei alt und ziehe nur Staub an.“
„Das war das Möbelstück meiner Großmutter.“
„Wir können es ja später wieder reinholen.“
„Von wo denn? Vom Müllplatz?“
„Nein, nein, wir haben sie in den Abstellraum gebracht. Lena, warum reagierst du so? Es ist doch nur ein bisschen umgestellt.“
Langsam drehte sie sich zu ihm um. Er stand im Türrahmen ihres – nein, nicht mehr ihres – Schlafzimmers. Es war jetzt Frieda Winters Zimmer, gestaltet nach ihrem Geschmack, durchsetzt mit ihrer Geschichte.
„Nur ein bisschen“, wiederholte Lena leise.
Sie ging zum Kleiderschrank, zog ihre Reisetasche hervor und begann, wahllos Kleidung hineinzulegen: Jeans, Pullover, Unterwäsche. Sebastian beobachtete sie sprachlos, dann trat er näher.
„Was machst du da?“
„Ich fahre zu Amelie. Ich bleibe erst einmal bei ihr.“
„Wegen ein paar Vorhängen? Lena, das ist doch lächerlich.“
„Es geht nicht um Vorhänge.“
Sie schloss den Reißverschluss, griff nach Handtasche und Handy. Sebastian stand mitten im Raum, der sich fremd anfühlte, und sah zu, wie sie in ihre Schuhe schlüpfte.
„Lass uns vernünftig reden. Mama wird bald—“
„Wenn in diesem Haus deine Mutter bestimmt, dann brauche ich hier keinen Platz mehr!“
Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, zog Lena die Tür hinter sich zu. Sie eilte die Treppen hinunter auf die Straße. Es regnete nicht, doch der Asphalt glänzte feucht im Licht der Laternen. Mit zitternden Fingern bestellte sie ein Taxi.
Amelie öffnete im Pyjama, eine Gesichtsmaske halb aufgetragen.
„Was ist passiert?“
„Kann ich ein paar Tage bei dir unterkommen?“
„Natürlich. Komm rein.“
Amelies Wohnung war klein, ein Einzimmerapartment in einem Altbau, doch sie wirkte friedlich. Nachts lief kein Fernseher. Niemand rückte ungefragt Möbel zurecht. Auf der Fensterbank standen grüne Pflanzen, an den Wänden hingen Fotos von Reisen ans Meer und in die Berge.
Lena schlief auf dem Sofa. In der ersten Nacht schloss sie kaum die Augen, lauschte in die Stille und spürte zum ersten Mal seit Langem, wie sich in dieser Ruhe etwas in ihr regte – kein Zorn, keine Angst, sondern eine leise, klare Erkenntnis, die sie wachhielt bis in den frühen Mor…
