Inzwischen hatte sich jedoch alles verändert. An den Wochenenden stand nun Frieda Winter bereits im Morgengrauen in der Küche und beanspruchte den Raum für sich.
„Heute backe ich einen Kuchen“, verkündete sie mit Nachdruck. „Sebastian liebt meinen mit Weißkohl.“
Lena, die gerade eine Einkaufsliste auf ihrem Handy geöffnet hatte, hob den Blick. „Ich hatte eigentlich auch etwas geplant …“
„Was denn? Wieder so ein Experiment von dir?“ Frieda verzog den Mund. „Mein Junge braucht etwas Ordentliches. Hausmannskost. Nichts Exotisches.“
Schon bald lag der schwere Geruch von Hefeteig und geschmortem Kohl in der Luft. Lena zog sich mit ihrem Laptop ins Wohnzimmer zurück und bestellte sich schließlich Sushi. Wenn schon fremd im eigenen Zuhause, dann wenigstens konsequent.
Sebastian aß zwei Stücke vom Kohlkuchen seiner Mutter, lobte die perfekte Würzung und die „knusprige Kruste wie früher“. Über die Sushi-Box auf dem Couchtisch verlor er kein Wort.
„Pfannen stellt man nicht so ineinander“, hörte Lena wenig später Friedas Stimme aus der Küche. Schranktüren klappten, Geschirr klirrte. „Töpfe gehören getrennt. Wie habt ihr hier bloß gewirtschaftet?“
„Für mich war das so praktischer“, wagte Lena einzuwenden.
„Praktischer?“ Frieda schnaubte. „Ich führe seit dreißig Jahren einen Haushalt. Ich weiß sehr genau, was praktisch ist.“
Sebastian zuckte nur mit den Schultern. „Ist doch egal, wo die Pfannen stehen.“
Nein, es war nicht egal. Am nächsten Morgen griff Lena verschlafen nach der Kaffeemaschine – wie seit drei Jahren an denselben Platz – und stieß stattdessen gegen ein Glas mit Buchweizen.
An diesem Abend blieb sie länger im Büro. Eine Kollegin überredete sie, noch auf ein Glas Wein in eine Bar zu gehen. Es wurde später als geplant. Kurz nach zehn schloss Lena leise die Wohnungstür auf. Die Räume lagen im Dunkeln, lediglich unter der Wohnzimmertür flackerte bläuliches Fernsehlicht hervor.
Sie schlüpfte aus den Schuhen und ging ins Schlafzimmer. Als sie die Nachttischlampe einschaltete, blieb sie abrupt stehen.
Ihr Nachttisch war verschwunden.
An seiner Stelle stand ein rundes, altmodisches Tischchen mit einer gehäkelten Decke. Darauf: ein Porzellanhund mit abgebrochenem Ohr, ein staubiger Engel als Kerzenhalter und eine Vase mit künstlichen Rosen, deren Rot längst in ein schmutziges Rosa übergegangen war. Dort, wo zuvor der Monet-Druck gehangen hatte, prangte nun ein Wandteppich mit einem röhrenden Hirsch.
Sebastian schlief mit dem Gesicht zur Wand.
Langsam setzte Lena sich auf die Bettkante und betrachtete den Porzellanhund. Der Riss am Ohr war notdürftig geklebt. Der Engel hielt eine Kerze, auf der sich eine graue Staubschicht gesammelt hatte. Alles wirkte wie aus einer anderen Zeit – nur nicht aus ihrer.
Sie öffnete den Kleiderschrank. Ihre Kleidung war zur Seite gedrängt worden, dicht an die Schrankwand gepresst. Daneben hingen ordentlich in Folie verpackte Blusen und Kleider von Frieda.
„Sebastian?“, sagte sie leise.
Er blinzelte, drehte den Kopf nur halb zu ihr. „Hm?“
„Wo ist mein Nachttisch?“
Er gähnte. „Ach so. Meine Mutter meinte, es wäre besser, ihn umzustellen. Wegen der Energie im Raum. Feng Shui oder so. Wir haben das Schränkchen in die Abstellkammer gebracht.“
„In die Abstellkammer? Da waren meine Unterlagen drin. Und meine Sachen.“
„Alles ist in Kartons“, murmelte er beruhigend. „Sie hat das ordentlich gemacht. Komm, lass uns schlafen.“
Er wandte sich wieder ab. Wenige Sekunden später ging sein Atem gleichmäßig.
Lena trat auf den Balkon. Ein Kloß saß ihr im Hals. Die Nacht war kühl, roch nach Regen. Unten im Hof brannten Laternen, jemand führte einen kleinen Hund spazieren – lebendig, mit zappelndem Schwanz, kein staubiges Porzellantier.
Sie zog ihr Handy hervor und öffnete den Chat mit Amelie Lange.
„Alles okay bei dir?“ kam die Antwort fast sofort.
Lena starrte auf das Display. „Ja. Nur müde“, schrieb sie schließlich.
„Ist deine Schwiegermutter noch da?“
„Ja.“
„Mein Beileid.“
