„Verschwinde aus meiner Wohnung! Und lass dich hier nie wieder blicken, hast du mich verstanden?!“ Dorothea Lorenz brüllt, Emma nimmt ruhig ihre Tasche und verlässt die Wohnung

Ihre feige Härte wurde überraschend befreiend empfunden.
Geschichten

Moritz Kraus nahm Platz, ließ den Blick durch den Raum schweifen – mit der selbstverständlichen Ruhe eines Mannes, der sich hier bereits auskannte und genau wusste, was wo stand. Diese Vertrautheit blieb Emma nicht verborgen.

„Frau Werner“, begann er in sachlichem Ton, „für uns ist entscheidend, dass die Übergangsphase ohne Reibungsverluste verläuft. Es existieren Verträge, die das Werk seit Jahren begleiten. Bewährte Partner, eingespielte Abläufe.“

„Schicken Sie mir sämtliche Unterlagen. Ich prüfe sie persönlich.“

„Selbstverständlich.“ Ein kaum merkliches Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ich wollte lediglich betonen, dass es sich um gewachsene Geschäftsbeziehungen handelt. Veränderungen wären… nicht ratsam.“

Emma verschränkte die Hände auf dem Tisch. „Ob etwas bestehen bleibt, entscheidet allein die wirtschaftliche Bilanz. Ist ein Vertrag vorteilhaft für das Werk, bleibt er. Wenn nicht, wird neu verhandelt.“

Stille legte sich zwischen sie. Kraus musterte sie mit demselben prüfenden Ausdruck wie bei ihrer ersten Begegnung – als säße ihm kein Mensch, sondern eine komplexe Aufgabe gegenüber, deren Lösung noch ausstand.

„Sie sind bemerkenswert geradlinig“, sagte er schließlich. Es klang gleichermaßen nach Anerkennung wie nach Warnung.

„Ich halte das für effizient“, erwiderte sie ruhig.

Kurz darauf verabschiedete er sich. Der junge Assistent mit der Mappe folgte ihm hastig. Emma trat ans Fenster und sah, wie der schwarze Wagen den Hof verließ und an der Kreuzung nach links abbog.

Dann setzte sie sich, schlug ihr Notizbuch auf und schrieb: „Heinrich Schulz. Moritz Kraus. Lieferverträge. Lückenlose Prüfung ab 2022.“

Gegen Abend erschien Franziska Klein unter dem Vorwand, die leeren Tassen abzuholen. An der Tür blieb sie stehen.

„Frau Werner, hätten Sie einen Moment?“

„Natürlich.“

Die Sekretärin zögerte kurz, als wäge sie jedes Wort ab. „Herr Schulz hat unmittelbar nach dem Gespräch telefoniert. Ich weiß nicht mit wem. Aber er hat seine Tür geschlossen.“ Ein feiner Nachdruck lag auf dem letzten Satz. „Das tut er sonst nie.“

Emma sah sie aufmerksam an. Franziska hielt ihrem Blick stand, sachlich, ohne Sensationslust.

„Danke für die Information“, sagte Emma leise.

Ein knappes Nicken, dann war sie verschwunden.

Also doch. Eine erste Verbündete – schneller als erwartet. Das war ein gutes Zeichen.

Draußen senkte sich die Dämmerung über das Gelände. Die Sirenen kündigten das Schichtende an, Schritte verhallten auf dem Asphalt. Emma saß an Carl Böhms ehemaligem Schreibtisch – nun ihrem – und dachte über jene „bewährten Partner“ nach, die Kraus so sorgsam verteidigt hatte. Verträge erzählen Geschichten. Man muss nur genau genug lesen.

Sie brauchte jemanden, der Zahlen nicht nur addierte, sondern verstand. Und sie brauchte ihn rasch – bevor andere auf die Idee kamen, Spuren zu verwischen.

Am dritten Tag hatte sie ihn gefunden.

Benedikt Becker, Finanzanalyst. Unauffällig, fast unscheinbar. Bei Besprechungen saß er meist still da, einen Bleistift hinter dem Ohr, den Blick auf die Tischplatte gerichtet, während Vorgesetzte sprachen. Carl Böhm hatte das als Respektlosigkeit ausgelegt. Emma hingegen hatte früh erkannt: Becker starrte nicht aus Unsicherheit auf den Tisch – er dachte. Schnell, präzise und ohne unnötige Worte.

Nach der Morgenrunde bat sie ihn in ihr Büro.

Er setzte sich, legte seine Mappe auf die Knie und sah zunächst wieder nach unten. Dann hob er den Blick.

„Es geht um die Lieferverträge, richtig?“

Emma zog leicht die Augenbrauen hoch. „Wie kommen Sie darauf?“

„Weil Sie sonst Herrn Schulz einbestellt hätten. Stattdessen sitze ich hier.“

Ohne Kommentar reichte sie ihm eine Liste sämtlicher Lieferanten der letzten vier Jahre. Becker überflog die Seiten – und in seinem Gesicht lag plötzlich der Ausdruck eines Mannes, der lange auf genau diesen Moment gewartet hatte.

„Eine vollständige Analyse schaffe ich in sieben Tagen“, sagte er ruhig.

„Sie haben drei“, entgegnete Emma.

Er nickte nur. Keine Diskussion, keine Nachfragen. Als er ging, war Emma sicher: Die Stillen sind oft die verlässlichsten Partner – wenn man sie ernst nimmt.

Am fünften Tag meldete sich Lukas Peters.

Emma befand sich gerade in der Produktionshalle, ging mit dem Schichtleiter die Abläufe durch, hörte zu, stellte Fragen, speicherte Details. In ihrer Manteltasche vibrierte das Telefon. Sie drückte den Anruf weg. Eine Minute später klingelte es erneut.

Sie trat auf den Flur hinaus.

„Was ist passiert?“

„Meine Mutter weiß Bescheid“, sagte Lukas. Seine Stimme klang, als sei soeben ein Sturm über ihn hinweggefegt.

„Das war absehbar.“

„Emma, ihr geht es schlecht. Der Blutdruck ist hoch.“

Emma schloss kurz die Augen. Bei Dorothea Lorenz stieg der Blutdruck stets im passenden Moment – immer dann, wenn Entscheidungen drohten, die ihr missfielen. Es war ein bewährtes Mittel. Und Lukas glaubte jedes Mal aufrichtig an den Ernst der Lage.

„Lukas, ich leite ein Werk. Ich bin keine Ärztin. Wenn es ihr schlecht geht, ruf einen Notarzt.“

Stille am anderen Ende.

„Du hast dich verändert“, sagte er schließlich.

„Nein“, antwortete sie ruhig. „Ich spiele nur keine Rolle mehr.“

Sie steckte das Telefon weg und kehrte in die Halle zurück.

Zweieinhalb Tage später legte Benedikt Becker ihr einen umfangreichen Bericht auf den Tisch – und sein erster Satz ließ keinen Zweifel daran, dass die Geschichte der sogenannten bewährten Partner gerade erst begann.

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