„Verschwinde aus meiner Wohnung! Und lass dich hier nie wieder blicken, hast du mich verstanden?!“ Dorothea Lorenz’ Stimme hallte durch sämtliche Zimmer, so laut, dass selbst die Nachbarn hinter der Wand jedes Wort mitbekommen haben mussten. „Schmarotzerin! Hast dir hier ein bequemes Nest gebaut!“
Emma Werner stand im Flur, die Reisetasche bereits in der Hand, und betrachtete ihre Schwiegermutter mit einem Blick, in dem weder Überraschung noch Wut lag – eher die nüchterne Bestätigung von etwas, das längst absehbar gewesen war. Fünf Jahre unter diesem Dach hatten sie gründlich geschult. Vor allem in einer Sache: Mit Dorothea zu diskutieren war zwecklos. Es glich einem Ruf in einen leeren Schacht – viel Lärm, kein Echo.
„Ich höre dich“, erwiderte Emma ruhig.
„Sie hört mich!“ Dorothea rang theatralisch die Hände. „Fünf Jahre lang hast du dich von meinem Sohn durchfüttern lassen! Fünf Jahre! Und was bringst du mit? Was bist du überhaupt?“
Die Frage war nicht für eine Antwort gedacht. Dorothea führte grundsätzlich Monologe. Dialoge lagen ihr nicht. Für sie bedeutete Lautstärke automatisch Recht.

Ohne Hast zog Emma ihren Mantel an, schloss Knopf um Knopf – von unten nach oben, sorgfältig, fast mechanisch. Dann nahm sie die Tasche.
„Und wage es ja nicht zurückzukommen!“, rief Dorothea ihr hinterher.
Die Tür fiel ins Schloss.
Im Treppenhaus roch es nach Katzenfutter und nach dem Mittagessen irgendeiner Nachbarin. Emma blieb einen Moment stehen, lehnte sich mit dem Rücken gegen die kühle Wand. Das also war das Ende. Fünf Jahre – und nun nichts mehr.
Weinen musste sie nicht. Ihre Tränen waren bereits vor einem Jahr versiegt. Damals, als Lukas Peters wieder einmal seiner Mutter beigestanden hatte, mit einem Achselzucken und dem altbekannten Satz: „Du weißt doch, wie sie ist.“ Ja, Emma wusste es. Sie hatte lange genug verstanden. Deshalb ging sie jetzt.
Draußen zog sie ihr Handy hervor und schrieb eine einzige Nachricht an Andreas Friedrich, ihren Ansprechpartner aus der Zentrale der Unternehmensgruppe: „Ich bin bereit. Morgen.“
Die Antwort kam fast sofort. „Wir erwarten Sie um zehn.“
Das Werk „Nordstahl Maschinenbau“ lag am nördlichen Rand der Stadt – ein weitläufiger, grauer Industriekomplex mit rauchenden Schornsteinen, die zu jeder Jahreszeit Qualm in den Himmel schickten. Emma kannte das Gelände in- und auswendig. Zu gut. Hier arbeitete ihr Noch-Ehemann Lukas als Abteilungsleiter – ordentliches Gehalt, solide Position, keinerlei Ambitionen, etwas zu verändern. Vor drei Jahren hatte auch sie dort angefangen: zunächst als Ökonomin, später als Leiterin der Abteilung für Planung und Controlling.
Für Dorothea war das nie mehr gewesen als „Papierkram“. „Sie schiebt Akten von links nach rechts“, pflegte sie zu Charlotte Lehmann aus dem dritten Stock zu sagen, die verständnisvoll nickte.
Doch diese „Akten“ enthielten Zahlen, Analysen, Prognosen. Emma hatte Strukturen aufgebaut, Berichte erstellt und regelmäßig an die Konzernzentrale geschickt. Dort hatte man aufmerksam gelesen. Und man hatte sich ihren Namen gemerkt.
Die Nacht verbrachte sie in einem kleinen Einzimmerapartment in der Südstraße. Sie hatte es vor einem Monat angemietet – heimlich, als Sicherheitsnetz. Dass sie es so schnell brauchen würde, hatte sie nicht erwartet.
Die Wohnung war winzig: ein schmales Bett, ein Tisch, ein Fenster mit Blick auf einen Hinterhof. Auf einem Regal standen Fachbücher über Controlling und Unternehmensführung sowie ein zerlesenes Exemplar von „Anna Karenina“, an dem sie seit Jahren nicht weiterkam. Sie kochte sich Tee, setzte sich aufs Bett und starrte an die Decke.
Hatte sie Angst? Eigentlich nicht. Eher ein Gefühl von Fremdheit – wie beim Verlassen eines langen, dunklen Tunnels, wenn das Licht draußen blendet und man noch nicht erkennt, was vor einem liegt.
Am nächsten Morgen schlüpfte sie in ihren grauen Hosenanzug – den einzigen, den sie mitgenommen hatte. Sie kämmte ihr Haar, zog einen dezenten Lippenstift auf und betrachtete sich im kleinen, leicht erblindeten Badezimmerspiegel. Ein knappes Nicken an ihr Spiegelbild. Es war Zeit.
In der Konzernzentrale der „Industriegruppe West“ empfing sie Andreas Friedrich persönlich – ein schmaler Mann mit präziser Ausdrucksweise und dem Habitus eines Menschen, der unnötige Worte meidet. Er führte sie in einen Konferenzraum, wo bereits zwei Herren in dunklen Anzügen warteten.
„Frau Werner“, begann Andreas sachlich, „der Vorstand hat beschlossen, die Leitung von Nordstahl neu zu besetzen. Der bisherige Geschäftsführer, Carl Böhm, tritt aus gesundheitlichen Gründen zurück. Ihre Kandidatur wird seit einem halben Jahr geprüft.“
Emma sagte nichts. Sie hörte aufmerksam zu.
„Wir möchten Ihnen die Position der Geschäftsführerin anbieten.“
Einer der Männer – groß, massig, mit prüfendem Blick – beugte sich vor. „Ihnen ist bewusst, dass die Lage im Werk schwierig ist? Verbindlichkeiten, gewachsene Seilschaften, Unordnung in der Personalstruktur.“
„Das ist mir klar“, antwortete sie ruhig. „Deshalb habe ich drei Jahre lang jede Kennzahl dieses Betriebs analysiert.“
Der Mann verengte leicht die Augen. Seine Höflichkeit wirkte beinahe zu geschniegelt, als verberge sich dahinter ein eigenes Kalkül. Emma prägte sich sein Gesicht ein.
Gegen Mittag waren die Unterlagen unterschrieben. Das offizielle Amtsantreten wurde für die kommende Woche festgelegt.
