„Nun ja, mein Beileid“ sagte Michael hohnend im Wohnzimmer nach der Beerdigung

Diese feierliche Heuchelei ist schmerzhaft und verachtenswert.
Geschichten

Eine schwere, beinahe greifbare Stille lag über der Wohnung. Der Geruch von Weihrauch mischte sich mit dem süßlich-müden Duft verwelkter Lilien und machte das Atmen schwer. Clara Roth saß zusammengesunken auf der äußersten Kante des Sofas, als laste ein unsichtbarer Druck auf ihren Schultern. Das schwarze Kleid schmiegte sich eng an ihren Körper, kratzte auf der Haut und rief ihr unaufhörlich ins Gedächtnis, warum dieser Tag so unerträglich war: Heute hatte sie ihre Großmutter Helena Stein zu Grabe getragen – den letzten Menschen aus ihrer Familie.

Ihr gegenüber hatte es sich ihr Ehemann Michael Böhm im Sessel bequem gemacht. Allein seine Anwesenheit wirkte wie Hohn. Am nächsten Morgen wollten sie die Scheidung einreichen. Kein Wort des Mitgefühls kam über seine Lippen. Stattdessen beobachtete er sie schweigend, mit kaum verhohlener Gereiztheit, als warte er nur darauf, dass diese lästige Inszenierung endlich vorüberging.

Claras Blick haftete reglos auf dem verblichenen Muster des Teppichs. In ihr erlosch der letzte Rest Hoffnung, dass sich noch etwas kitten ließe. Wo eben noch ein Funken Zuversicht gewesen war, breitete sich nun eine kalte, leere Weite aus.

„Nun ja, mein Beileid“, durchbrach Michael schließlich die Stille. Seine Stimme troff vor Spott. „Jetzt bist du also eine wohlhabende Dame. Eine Erbin! Deine Großmutter hat dir bestimmt unermessliche Schätze hinterlassen. Ach nein, wie konnte ich das Wichtigste vergessen? Dieses antike, stinkende Ungetüm von Wagen. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Prachtstück.“

Jedes Wort traf wie ein scharfer Schnitt. Vor Claras innerem Auge tauchten Bilder zahlloser Streitereien auf – erhobene Stimmen, Vorwürfe, Tränen. Helena Stein, mit ihrem seltenen, altmodischen Namen, hatte ihren Schwiegersohn vom ersten Tag an durchschaut. „Er ist trübe wie ein schlammiger Tümpel, Clara“, hatte sie mit unbeirrbarer Strenge gesagt. „Innen hohl. Pass auf, dass er dich nicht ausnimmt und stehenlässt.“ Michael hatte sie nur höhnisch als verbitterte Alte verspottet.

Wie oft hatte Clara zwischen den beiden vermittelt, hatte beschwichtigt, gehofft, geweint. Sie hatte sich eingeredet, mit Geduld ließe sich alles zum Guten wenden. Nun begriff sie, dass ihre Großmutter die Wahrheit von Anfang an erkannt hatte.

„Übrigens, was deine glänzende Zukunft betrifft“, setzte Michael nach, sichtlich zufrieden mit seiner Grausamkeit. Er erhob sich, strich sein teures Jackett glatt. „Du musst morgen übrigens nicht mehr zur Arbeit erscheinen. Ich habe heute früh deine Kündigung unterschrieben. Bald wirst du feststellen, dass selbst dein alter Wagen ein Luxus ist. Vielleicht durchwühlst du bald Mülltonnen – und erinnerst dich dankbar an mich.“

Damit war die Grenze überschritten. Nicht nur die Ehe zerbrach in diesem Moment – ein ganzes Lebensgebäude, das sie um diesen Mann herum errichtet hatte, fiel in sich zusammen. Der letzte Glaube an einen Rest Anstand in ihm starb. Zurück blieb etwas Kühles, Hartes, das sich unaufhaltsam in ihr ausbreitete.

Sie sah ihn an, mit leerem, undurchdringlichem Blick, und schwieg. Es gab nichts mehr zu sagen. Wortlos stand sie auf, ging ins Schlafzimmer und nahm die Tasche, die sie bereits vorbereitet hatte. Weder auf seine höhnischen Bemerkungen noch auf sein kurzes, spöttisches Lachen reagierte sie. Den Schlüssel zur alten Wohnung presste sie fest in die Hand, dann verließ sie die Wohnung, ohne sich umzudrehen.

Draußen empfing sie der Abend mit schneidend kühler Luft. Unter dem fahlen Schein einer Straßenlaterne stellte Clara ihre beiden schweren Taschen ab. Vor ihr ragte das graue, neunstöckige Wohnhaus auf – der Ort ihrer Kindheit, das Zuhause ihrer Eltern.

Seit Jahren hatte sie keinen Fuß mehr hierhergesetzt. Nach dem Autounfall, bei dem ihre Eltern ums Leben gekommen waren, hatte Helena Stein ihre eigene Wohnung verkauft und war hier eingezogen, um ihre Enkelin großzuziehen. Diese Wände bewahrten zu viele schmerzhafte Erinnerungen. Als Clara Michael geheiratet hatte, mied sie das Haus. Mit ihrer Großmutter traf sie sich überall – nur nicht hier.

Nun jedoch blieb ihr kein anderer Zufluchtsort. Bitterkeit stieg in ihr auf, als sie an Helena dachte – die Frau, die ihr Mutter, Vater und engste Vertraute zugleich gewesen war. Und sie selbst? In den letzten Jahren war sie kaum noch gekommen, gefangen in der Arbeit in Michaels Firma und in dem aussichtslosen Versuch, ihre Ehe zu retten. Ein brennendes Schuldgefühl durchzuckte sie. Die Tränen, die sie den ganzen Tag zurückgehalten hatte, brachen sich jetzt Bahn. Zitternd stand sie da, lautlos weinend, überwältigt von dem Gefühl, klein und verloren zu sein inmitten der riesigen, gleichgültigen Stadt.

„Entschuldigung, gnädige Frau, soll ich Ihnen helfen?“ Neben ihr erklang eine dünne, leicht heisere Stimme. Clara fuhr erschrocken herum. Vor ihr stand ein Junge, vielleicht zehn Jahre alt, in einer viel zu großen Jacke und abgetragenen Turnschuhen. Sein Gesicht war schmutzverschmiert, doch seine Augen blickten wach und ernst. Mit einem Nicken deutete er auf die Taschen. „Die sind bestimmt schwer, oder?“

Hastig wischte Clara sich über die Wangen. Die Offenheit des Jungen und sein unerwartet ernster Blick brachten sie für einen Moment aus dem Gleichgewicht.

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