„Gemeinsam“, wiederholte ich leise. „Daran erinnerst du dich doch noch, Maximilian Schmitt, oder?“
„Ja“, murmelte er und wandte den Blick ab. „Aber meine Mutter meint, ich stehe kurz vor einer Beförderung. Mehr Gehalt, mehr Verantwortung. Und du hättest… den Zeitpunkt vielleicht bewusst gewählt.“
„Bewusst gewählt?“ Ein bitteres Lachen entrang sich meiner Kehle. Es klang schrill, fast fremd in meinen eigenen Ohren. „Eine Schwangerschaft timen wie einen Geschäftstermin? Hörst du dir eigentlich selbst zu?“
„Mia, so wollte ich das nicht ausdrücken…“
„Wie denn dann?“ Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. „Was genau hat Karoline Gross noch über mich zu erzählen?“
Er schwieg. Lange. So lange, dass die Stille zwischen uns zu einem eigenen Wesen wurde. Schließlich atmete er schwer aus.
„Sie sagt, du hast vor sechs Monaten deinen Job aufgegeben. Dass du jetzt von meinem Einkommen lebst. Und dass es für dich natürlich praktisch wäre, ein Kind zu bekommen, damit ich nicht einfach gehen kann.“
Meine Beine gaben nach, ich ließ mich auf das Sofa sinken.
„Ich habe gekündigt, weil wir uns ein Kind gewünscht haben. Du warst es, der meinte, der Stress im Büro würde alles blockieren. Du hast gesagt, wenn ich zur Ruhe komme, klappt es vielleicht endlich. Weißt du das noch?“
„Ja, aber…“
„Aber was?“
Er rang sichtbar mit sich. „Sie hat nicht ganz unrecht damit, dass du momentan finanziell von mir abhängig bist. Und wenn das Baby…“
Er beendete den Satz nicht. Er musste es auch nicht. Ich verstand.
„Wenn das Baby was, Maximilian? Sprich es aus.“
Er senkte den Blick. „Meine Mutter meint, wir sollten nach der Geburt einen Vaterschaftstest machen. Nur um sicherzugehen.“
Die Stille danach dröhnte in meinen Ohren. Ich betrachtete ihn, als sähe ich ihn zum ersten Mal. Dieser Mann hatte meine Hand gehalten, als wir im Wartezimmer der Kinderwunschklinik saßen. Er hatte geweint, wenn wieder nur ein einziger Streifen auf dem Test erschien. Vor einer Woche hatte er mich in der Küche umarmt und geflüstert: „Es hat endlich geklappt.“
Und jetzt sprach er von einem DNA-Test.
„Verschwinde.“
„Wie bitte?“
„Geh. Raus aus dieser Wohnung. Sofort.“
„Mia, du verstehst das falsch…“
„Doch. Ich verstehe es sehr genau!“ Meine Stimme bebte. „Du hast drei Stunden bei deiner Mutter gesessen und dir angehört, was für eine berechnende Frau ich angeblich bin. Dass ich dich mit einem Kind festhalten will, um an dein Geld zu kommen. Und anstatt ihr Einhalt zu gebieten, kommst du hierher und trägst mir diesen Dreck vor. Du hast dich entschieden.“
„Ich habe mich nicht entschieden. Ich fand nur, wir sollten offen darüber sprechen.“
„Offen darüber sprechen, ob ich dich betrüge? Ob ich eine Lügnerin bin? Ob das Kind unter meinem Herzen vielleicht nicht von dir ist? Das willst du diskutieren?“
„Verdreh mir nicht die Worte.“
„Dann sag mir, was du wirklich sagen wolltest!“ Tränen brannten in meinen Augen. „Was genau?“
Er antwortete nicht. Stand einfach da.
In diesem Schweigen sah ich plötzlich unsere gesamten fünf Ehejahre wie einen Film vor mir. Fünf Jahre, in denen Karoline Gross bestimmt hatte, wohin wir in den Urlaub fahren. Welche Automarke vernünftig sei. Welche Wohnung angemessen für „ihren Jungen“ wäre – diese hier hatte sie missbilligt, und trotzdem hatten wir sie genommen. Mein kleiner Akt des Widerstands.
Fünf Jahre lang hatte sie abends angerufen und gefragt: „Was bekommt Maximilian zu essen? Er war schon als Kind empfindlich, man muss ihn richtig versorgen.“ Fünf Jahre hatte ich geschluckt, gelächelt, gehofft. In der festen Überzeugung, dass er eines Tages klar Position beziehen würde.
Doch er stellte sich nicht vor mich. Er stellte sich neben sie.
„Geh zu deiner Mutter“, sagte ich leise. „Sie wartet sicher schon.“
„Mia…“
„Entweder du gehst – oder ich tue es.“
Er packte seine Sachen in weniger als zwanzig Minuten. Ich saß in der Küche, starrte aus dem Fenster und hörte, wie Schubladen geöffnet und wieder zugeschoben wurden. Als die Tür ins Schloss fiel, blieb kein Abschiedswort zurück.
Nur Stille.
Drei Tage lang war ich allein in der Wohnung. Kein Anruf von ihm. Und ich meldete mich ebenfalls nicht. Ich lag auf dem Sofa, strich über meinen Bauch und dachte nach. Darüber, wie ich mir mein Leben vorgestellt hatte. In welchem Umfeld ich mein Kind großziehen wollte. Ob meine Ersparnisse reichen würden, um uns zumindest bis zum Kindergarten über Wasser zu halten. Und ob ich wirklich bereit war, die nächsten dreißig Jahre damit zu verbringen, mir von Karoline Gross vorschreiben zu lassen, wie ich mein eigenes Kind zu erziehen habe.
