Ich war schon immer überzeugt, dass menschliche Dreistigkeit wie ein Gas funktioniert: unsichtbar, geruchlos, aber unaufhaltsam dehnt sie sich in jedem freien Raum aus – bis ein winziger Funke genügt und alles explodiert. Sein letzter Satz war genau dieser Funke. Noch am selben Tag reichte ich die Scheidung ein. Doch der Reihe nach.
Mein Noch-Ehemann Florian Roth war ein wandelndes Zitatbuch. Beruflich dümpelte er als Junior-Manager für Büroklammern vor sich hin, doch in unserer Wohnung bewegte er sich mit der gravitätischen Würde eines römischen Patriziers, der kurz davorsteht, Karthago dem Erdboden gleichzumachen. Ich hingegen schätzte Ruhe, Ordnung und meine gemütliche Dreizimmerwohnung in Weilheim, die ich mir fünf Jahre vor der Bekanntschaft mit diesem „Vordenker“ gekauft hatte.
Der erste Riss bekam unsere Ehe, als eines Nachmittags seine Mutter, Valentina Zimmermann, unangekündigt vor meiner Tür erschien – mit einem übergroßen Koffer und einem Käfig, in dem ein sichtlich gereizter Papagei saß.
„Die Familie ist das Fundament, auf dem sich der Turm männlicher Autorität erhebt!“, verkündete Florian feierlich in meinem Flur, während er seine Mutter hereinbat. „Mama wird bei uns wohnen. Sie braucht Fürsorge – und einen erweiterten Horizont!“
„Nora Meyer“, hauchte meine Schwiegermutter und presste theatralisch die Hände an die Brust, wobei ihre zahllosen Armreifen klirrten. „Dieses Zuhause leidet an einer blockierten Wurzelchakra-Energie. Ich bringe schöpferische Kraft mit, um euer leeres Gefäß des Seins zu füllen. Wir werden hier neue Ahnenwurzeln schlagen!“

Ich lehnte mich an den Türrahmen und verschränkte die Arme.
„Valentina Zimmermann, nach den Gesetzen der Physik läuft ein Gefäß über, wenn man versucht, zusätzliche Wurzeln hineinzuzwingen. Und das Wasser verteilt sich dann auf dem Laminat. Dieses Laminat hat mich übrigens dreitausend Euro pro Quadratmeter gekostet. Ihre Wurzeln bleiben also besser im Blumentopf.“
Empört schnappte sie nach Luft und wollte ihren ausladenden Schal dramatisch über die Schulter werfen. Doch die Fransen verfingen sich hartnäckig im Türgriff. Sie zerrte einmal, dann noch einmal, und verhedderte sich schließlich in ihrem eigenen Stoffgebilde wie eine überfütterte Motte im Spinnennetz.
„Vorsicht mit der Aura, Mama“, bemerkte ich trocken und befreite sie aus ihrer textilen Falle.
So begann mein persönlicher Albtraum. Valentina Zimmermann machte sich sofort daran, den Raum zu „harmonisieren“: Meine antike Stehlampe stellte sie ins Gäste-WC um – dort befinde sich angeblich die Zone des finanziellen Abflusses – und
