„Stehen bleiben! Hände sichtbar!“ donnerte eine Stimme aus dem Hausflur, während Dorothea erstarrte

Verzweifelt, schamlos und doch herzzerreißend schön.
Geschichten

„…ohne ihre ausdrückliche Erlaubnis hier sehen möchte. Der Alarm hat also völlig zu Recht ausgelöst“, beendete der Beamte knapp. „Eine bevollmächtigte Person mit den entsprechenden Unterlagen ist unterwegs.“

Wenig später öffnete sich die Wohnungstür erneut. Als Emma König im Rahmen erschien, sprang Dorothea Kraus auf, als hätte man ihr einen elektrischen Schlag versetzt.

„Emma, bitte, erklär ihnen doch, wer wir sind! Sag, dass das ein Missverständnis ist! Sophie hat einfach vergessen, Bescheid zu geben, sie war schon immer etwas zerstreut…“

Emma musterte ihre Tante mit einem Blick, der kälter war als jeder Vorwurf. In ihren Augen lag unverhohlene Abscheu.

„Sophie ist ganz und gar nicht zerstreut“, entgegnete sie ruhig. „Im Gegenteil – sie hat alles genau geplant. Sie wusste, dass ihr versuchen würdet, hier einzudringen.“

Valentina Simon stieß einen empörten Laut aus. „Wie kannst du so reden? Wir gehören doch zur Familie!“

„Familie hebelt keine Türen auf“, gab Emma scharf zurück. „Die Anzeige wird nicht zurückgezogen. Allerdings habe ich darum gebeten, das Verfahren ruhen zu lassen – unter einer Bedingung: Sie geben sofort sämtliche Schlüssel heraus und nähern sich diesem Haus kein einziges Mal mehr.“

Dorothea sackte in sich zusammen. Der eben noch so kämpferische Ausdruck zerfiel zu einer müden, verbitterten Grimasse.

„Undankbares Kind…“, murmelte sie heiser. „Die eigene Mutter der Polizei ausliefern. Das wird sie noch bereuen.“

Zwei Tage später klingelte bei Emma das Telefon. Die Verbindung nach Augsburg war schlecht, Sophies Stimme klang dumpf, von Rauschen zerschnitten.

„Verkauf die Wohnung, Emma. Setz sie auf den Markt.“

„Sophie, meinst du das ernst? Du hast dort jede Lampe selbst ausgesucht…“

„Ich kann dort nicht mehr leben“, unterbrach sie leise. „Für mich wird es immer nach Valentinas süßlichem Parfüm und nach Mamas Verrat riechen. Verkauf sie. Überweis mir den Erlös. Ich kaufe mir ein Haus in Lübeck. Weit genug weg, damit sie nicht einmal meine Adresse kennen.“

Nachdem sie aufgelegt hatte, trat Sophie aus dem Container hinaus. Vor ihr erstreckte sich die weite, schneebedeckte Ebene rund um Augsburg, kilometerweit nichts als Weiß und Stille. Der Wind biss in ihr Gesicht und trieb ihr Tränen in die Augen. Sie dachte an die Zeit zurück, als sie als Kind ihre kaputten Schuhe mit Sekundenkleber flickte und davon träumte, eines Tages Wärme zu spüren.

Jetzt war ihr warm. Zum ersten Mal wirklich. Denn sie hatte einen endgültigen Schlussstrich gezogen und die Last der Vergangenheit abgestreift, die sie jahrelang zurück in das knarrende Klappbett im Wohnzimmer ihrer Mutter gezerrt hatte.

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