Dort im Norden bekam sie die Sonne höchstens an Feiertagen zu sehen und arbeitete oft zwölf Stunden am Stück, ohne freie Tage. Doch sie hielt durch, weil sie genau wusste, wofür sie sich abrackerte.
Als sie schließlich zurückkam und sich eine eigene Wohnung kaufte, erfuhr Dorothea Kraus nicht durch ihre Tochter davon, sondern über Bekannte, die es brühwarm weitererzählten.
Zur Aussprache kam es in der Küche von Emma König, bei der Sophie für ein paar Tage untergekommen war. Die Tür flog auf, und Dorothea stürmte herein, außer sich vor Wut.
„Bin ich für dich überhaupt noch etwas wert?“, schrie sie und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Du kaufst dir einfach eine Wohnung und sagst kein Wort? Schämen solltest du dich! Deine eigene Schwester hockt mit dem Kind in einem Zimmer bei mir, und du willst es dir in zwei Räumen gemütlich machen?“
Sophie blieb ruhig, goss Tee ein und stellte die Tassen ab. „Für diese Wohnung habe ich drei Jahre geschuftet“, erwiderte sie gelassen. „Während Valentina sich um ihr Liebesleben kümmerte.“
„Wage es nicht, so über deine Schwester zu reden!“ Dorothea hob die Hand, als wolle sie zuschlagen, doch Sophie rührte sich nicht. „Sie braucht es dringender! Sie hat ein Kind! Morgen gibst du ihr die Schlüssel. Du ziehst wieder zu mir, und Valentina nimmt die neue Wohnung. Die Schule ist gleich um die Ecke, der Hof ist sicher. Du bist doch sowieso ständig unterwegs – wozu soll der Platz leer stehen?“
„Nein, Mama“, sagte Sophie fest. „Das ist mein Eigentum. Valentina wird dort keinen Fuß hineinsetzen.“
„Dann ersticke doch an deinem Besitz!“, fauchte Dorothea und rauschte hinaus. Die Tür knallte so heftig, dass im Schrank das Geschirr klirrte.
Eine Woche später flog Sophie erneut in den Norden. Ihr Vertrag war verlängert, sie hatte sogar eine Beförderung erhalten. Den Wohnungsschlüssel überließ sie Emma mit der Bitte, nur die Post zu holen. Doch im letzten Moment folgte sie einem unguten Gefühl – und ließ eine Alarmanlage installieren.
Nun saß Dorothea auf einer harten Bank im Polizeirevier und krallte sich an ihre leere Handtasche. Neben ihr schniefte Valentina leise.
„Warum musste das Schloss aufgebrochen werden?“, fragte der Beamte müde, während er ihre Ausweise durchblätterte.
„Wir haben nichts aufgebrochen! Wir hatten nur die Schlüssel vergessen!“, versuchte Dorothea gefasst zu klingen, doch ihre Stimme zitterte. „Das ist die Wohnung meiner Tochter. Natürlich darf ich hinein!“
Der Polizist sah sie kühl an. „Die Eigentümerin hat ausdrücklich erklärt, dass sie niemanden ohne ihre Zustimmung in der Wohnung haben will.“
