„Mama, bei mir löst sich schon wieder die Sohle“, murmelte die zehnjährige Sophie und hob den Fuß, damit man das Loch an der Spitze des Stiefels erkennen konnte.
Dorothea Kraus würdigte sie keines Blickes, die Augen fest auf den Bildschirm gerichtet.
„Wir kleben das fest. Valentina braucht eine neue Jacke, sie ist schließlich erwachsen – vor den Jungs soll sie sich doch nicht schämen müssen. Du läufst nur zur Schule und zurück. Das hält schon.“
Als der Vater die Familie verließ, war Sophie sechs. Von da an gab es zu Hause meist hartes Brot – und Zuwendung ausschließlich für Valentina. Die verstand es, ihre Mutter im richtigen Moment zu umarmen, ihre misslungenen Frikadellen überschwänglich zu loben oder ein paar Tränen zu verdrücken, wenn es nützlich war. Sophie konnte das nicht. Sie wurde still, verschlossen, beinahe stachelig – und entwickelte einen unbeirrbaren Ehrgeiz.
Mit achtzehn heiratete Valentina überstürzt, und Sophie atmete auf. Doch die Erleichterung währte kaum zwei Jahre. Dann stand die Schwester wieder im Flur: ein Koffer, zerplatzte Hoffnungen und ein Kind unter dem Herzen. Ihr Mann entpuppte sich als Trinker mit Vorliebe für fremde Betten.
„Wie soll ich sie denn vor die Tür setzen?“, jammerte Dorothea Kraus und bezog Valentina das einzige Bett im Schlafzimmer. „Sie wird Mutter! Und du, Sophie, schläfst eben im Wohnzimmer auf dem Klappbett. So viel Platz brauchst du doch nicht.“
Das Feldbett quietschte bei jeder Bewegung, doch Sophie lernte dort Nacht für Nacht über ihren Büchern. Sie schaffte den Sprung an die Universität aus eigener Kraft – ohne Unterstützung, mit einem staatlichen Studienplatz.
„Hör auf mit dem Unsinn“, nörgelte die Mutter, wenn Sophie nachts in einem 24‑Stunden-Laden Regale auffüllte, nur um sich endlich eine ordentliche Jeans leisten zu können. „Werd lieber Erzieherin im Kindergarten. Dann ist Felix gleich mit betreut, und du bringst wenigstens etwas Geld nach Hause. Valentina muss sich von der Geburt erholen, sie ist noch so schwach.“
„Ich werde keine Erzieherin“, entgegnete Sophie ruhig, während sie ihre Tasche packte. „Ich ziehe ins Wohnheim.“
„Eingebildet bist du geworden!“, rief Dorothea ihr hinterher. „Ohne deine Mutter gehst du zugrunde. Du wirst schon noch angekrochen kommen – und dann ist es zu spät!“
Doch Sophie kroch nicht zurück. Sie schloss ihr Studium mit Auszeichnung ab, während Valentina einen Verehrer nach dem anderen hatte und Felix meist bei der Großmutter ließ. Schließlich unterschrieb Sophie einen Arbeitsvertrag und ging in den Norden. Drei Jahre verbrachte sie dort in einem einfachen Wohncontainer.
