„Stehen bleiben! Hände sichtbar!“ donnerte eine Stimme aus dem Hausflur, während Dorothea erstarrte

Verzweifelt, schamlos und doch herzzerreißend schön.
Geschichten

Metall kratzte über Metall, das Geräusch hallte im leeren Treppenhaus wider wie ein platzender Schuss. Dorothea Kraus, eine stämmige Frau im abgetragenen Mantel, rückte ihr verrutschtes Kopftuch zurecht und stemmte das Brecheisen mit aller Kraft gegen das Schloss. Ihre Hände zitterten – nicht aus Angst, sondern vor Anstrengung.

„Mama, vielleicht sollten wir das lassen? Die Nachbarn könnten doch…“ Valentina Simon, ihre ältere Tochter, kaute nervös auf der Unterlippe. Neben ihr saß der dreijährige Felix Krüger im Kinderwagen und blickte mit großen Augen zur Tür.

„Still jetzt!“, fauchte Dorothea und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Wenn jemand fragt, sagen wir, wir hätten die Schlüssel verloren. Sophie Winter hockt noch mindestens ein Jahr in Augsburg und schuftet sich dort für ein paar Euro mehr kaputt. Soll die Wohnung hier etwa leer stehen? Ist es dir nicht eng genug mit dem Kleinen in unserem Einzimmerloch? Eben. Du ziehst hier ein, machst sauber, richtest dich ein. Die Rechnungen hole ich selbst aus dem Briefkasten, da wird keiner Verdacht schöpfen.“

Mit einem gequälten Knarren gab die Tür schließlich nach. Ein trockener Geruch nach frischer Farbe und neuem Bodenbelag schlug ihnen entgegen. Die Stille dahinter wirkte beinahe feierlich. Dorothea richtete sich triumphierend auf und betrat als Erste den dämmrigen Flur.

„Na, sieh sich das einer an, was sie sich hier geleistet hat“, murmelte sie, während sie nach dem Lichtschalter tastete. „Laminat, Spiegel an jeder Wand… Und ich habe seit vierzig Jahren dieselben Fliesen im Bad.“

Plötzlich zerriss ein schriller Alarmton die Ruhe. Die Sirene heulte so unvermittelt und durchdringend auf, dass Dorothea erschrocken aufkeuchte und das Brecheisen klirrend auf den hellen Boden fallen ließ. Das Dröhnen vibrierte in den Ohren, ließ das Herz stocken. Nur Sekunden später stampften schwere Stiefel über das Treppenpodest.

„Stehen bleiben! Hände sichtbar!“, donnerte eine Stimme aus dem Hausflur.

Dorothea erstarrte. Rot blinkende Lichter zuckten über die Wände. Ihr wurde schwindlig, die Knie gaben beinahe nach.

Sophie erinnerte sich schon aus Kindergartentagen an das bittere Gefühl der Zurücksetzung – es schmeckte nach erkalteter Grießbreihaut und abgestandenem Leitungswasser. Während Valentina Spitzenkleider und Lackschuhe bekam, trug Sophie alles auf, was übrig blieb: ausgeleierte Pullover, verblichene Röcke und schwere Stiefel mit ständig aufplatzenden Nähten.

„Mama, ich habe…“, hatte sie damals leise begonnen.

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