„Lukas, sag ihr bitte, sie soll bloß nicht meine Töpfe umräumen!“ rief Maria aus der Küche, während Mia mit vollen Einkaufstüten erstarrt in der Tür stand

Ersehnte Romantik, bitter enttäuschend und ungerecht.
Geschichten

Mia Weiß blieb an diesem Freitag deutlich länger im Büro als geplant. Die gesamte Woche war sie zwischen Baustellen, Meetings und Abschlussberichten hin- und hergehetzt, hatte Zahlen geprüft, Tabellen korrigiert und den Quartalsabschluss unter Dach und Fach gebracht. Nun war endlich Freitag. Zum ersten Mal seit Monaten ertappte sie sich bei dem Gedanken, dass sie nicht einfach nur erschöpft ins Bett fallen wollte. Nein – sie sehnte sich nach einem richtigen Abend. Mit Atmosphäre. Mit Kerzen. Mit einem Hauch von dem, was einmal selbstverständlich gewesen war.

Auf dem Heimweg steuerte sie noch den Supermarkt an. Sie legte ein Stück marmoriertes Rindersteak in den Wagen – genau das, über das Lukas Meier immer spöttelte und es „unnötig teuer“ nannte, obwohl er jedes Mal begeistert zugriff, wenn sie es bei Freunden servierte. Dazu wanderte Blauschimmelkäse in den Korb, den nur sie wirklich mochte, eine Flasche trockener Rotwein, frische Kräuter, Cherrytomaten, ein knuspriges Baguette. Außerdem Antipasti, Oliven und eine edle Pralinenschachtel für später. Der Einkaufswagen füllte sich – angenehm schwer, verheißungsvoll.

Sie stellte sich vor, wie sie zu Hause die Kerzen entzünden würde, in das seidige Kleid schlüpfte, das Lukas stets als „zu schade für den Alltag“ bezeichnet hatte – wobei er selbst nie einen Anlass geschaffen hatte, es zu tragen. Heute würde sie den Anlass eben selbst kreieren. Sie würden zu zweit am Tisch sitzen, nicht über Rechnungen oder seine Mutter sprechen, sondern einfach reden. Wie früher.

Als sie die Wohnungstür öffnete, schlug ihr der Geruch von gebratenen Kartoffeln entgegen – vermischt mit einem herben, fremden Männerduft. Mia blieb abrupt stehen, die Einkaufstüten noch in der Hand. Aus der Küche drang die laute Stimme von Maria Krüger, die sogar den Fernseher übertönte.

„Lukas, sag ihr bitte, sie soll bloß nicht meine Töpfe umräumen! Ich brauche alles griffbereit. Und dieses minimalistische Getue von ihr – Chaos, nicht Ordnung!“

Mia stellte die Taschen langsam ab, zog sich wortlos die Schuhe aus. Lukas kam ihr entgegen, gerötet im Gesicht, zufrieden grinsend, ein belegtes Brot in der Hand.

„Hey! Überraschung!“

Er drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange und bemerkte nicht einmal, dass sie reglos blieb. Aus der Küche trat Maria Krüger – kräftig gebaut, rot gefärbtes Haar, Morgenmantel über dem Kleid. Hinter ihr tauchte Erik Stein auf, Lukas’ jüngerer Bruder, zwanzig Jahre alt, mit unreiner Haut, ausgeleierter Jogginghose und Smartphone in der Hand.

„Da ist ja die Hausherrin“, trällerte die Schwiegermutter und musterte Mia von oben bis unten. „Wir haben es uns schon ein bisschen gemütlich gemacht. Keine Sorge, nur vorübergehend. Erik fängt sein Studium an. Bis er einen Platz im Wohnheim bekommt, bleiben wir hier. Ein, zwei Monate höchstens.“

Mia sah zu Lukas. Er kaute.

„Ich wollte dich anrufen“, sagte er zwischen zwei Bissen. „Aber du warst doch ständig in Besprechungen. Ich dachte, du freust dich.“

„Freuen?“ Ihre Stimme war kaum hörbar.

Erik schob sich an ihr vorbei, stieß sie leicht mit der Schulter an und verschwand im Bad. Sekunden später dröhnte Musik in voller Lautstärke durch die Wohnung.

„Geht es auch leiser?“, rief Mia, doch ihre Worte verhallten.

In der Küche bot sich ihr ein Bild des Chaos: eine fettverspritzte Pfanne auf dem Herd, eine geöffnete Dose Eintopf auf dem Tisch, ein angebissenes Brotstück, schmutziges Geschirr. Die Leinenvorhänge, die sie mit Sorgfalt ausgesucht hatte, hingen schief – eine Schlaufe war aus der Gardinenstange gerissen.

„Habt ihr schon gegessen?“, fragte sie bemüht ruhig.

„Ach, nur eine Kleinigkeit“, winkte Maria Krüger ab. „Mach dir keine Umstände. Erik braucht zwar ordentlich Fleisch, aber wir kommen klar.“

Sie öffnete den Kühlschrank, entdeckte die Einkäufe.

„Was haben wir denn da? Teures Fleisch? Lukas, deine Frau verwöhnt dich.“

Lukas grinste. „Mia kann eben überraschen.“

Ohne ein Wort nahm Mia die Tüten wieder an sich und verstaute alles sorgfältig. Maria beobachtete jede Bewegung.

„Morgen koche ich Suppe für Erik“, kündigte sie an. „Er braucht was Anständiges. Hast du größere Töpfe? Deine sehen aus wie Spielzeug.“

Mia zog sich ins Schlafzimmer zurück. Auf ihrem Bett lag ein fremder Trainingsanzug. Es roch nach Schweiß und billigem Deo. Auf dem Nachttisch: Kabel, Chipstüte, leere Colaflasche.

Lukas folgte ihr.

„Jetzt sei doch nicht gleich beleidigt. Mama bleibt doch nicht ewig.“

„Wir haben zwei Zimmer, Lukas. Ich arbeite von hier aus. Ich brauche Ruhe.“

„Die bekommst du. Mama hilft beim Haushalt.“

„Sie hat gerade mein Zuhause als ‚Saustall‘ bezeichnet.“

Er seufzte genervt. „Bitte fang nicht an. Sie sind meine Familie.“

„Und ich?“

Er küsste sie flüchtig an die Schläfe. „Du auch. Hab etwas Geduld.“

Aus der Küche rief Maria: „Lukas, wo ist das Waschmittel? Ich hab schon mit der Hand gewaschen! Und sag mal – führt ihr getrennte Kassen? Kauft sie ihr Essen extra?“

Mia schloss die Schlafzimmertür. Setzte sich aufs Bett. Legte den fremden Trainingsanzug auf den Boden. Starrte minutenlang ins Leere.

Später, als Erik halbnackt aus dem Bad marschierte, stellte sie sich ihm in den Weg. „Beim nächsten Mal ziehst du bitte etwas an. Das hier ist kein Studentenwohnheim.“

Er verzog das Gesicht. „Was?“

„Genau das.“

Er schnaubte und verschwand ins Wohnzimmer, wo der Fernseher aufdrehte.

In der Küche räumte Maria Krüger die Schränke um. Mias alte Keramiktassen – ein Geschenk ihrer Mutter – standen nun unten, fettverschmiert. Als Mia ihre Lieblingstasse aus dem Spülbecken zog, sah sie den Riss am Rand. Ein neuer, feiner Sprung zog sich durch das Porzellan.

„Die ist Erik heute Morgen geplatzt“, erklärte die Schwiegermutter gleichgültig. „Euer Geschirr taugt nichts.“

Mia stellte die Tasse ab und schwieg.

Am Abend versteckte sie Steak, Käse und Wein in einer Kiste unter dem Bett. Ihr kleiner geheimer Vorrat.

Ein Monat verging.

Die Stromrechnung hatte sich verdreifacht. Der Kühlschrank war nie länger als einen Tag gefüllt. An einem Samstagmorgen wurde sie vom lärmenden Fernseher geweckt, während aus dem Bad ebenfalls Musik dröhnte. Der Lärm schnitt ihr durch den Kopf.

In der Küche stand Maria Krüger – in Mias seidigem Morgenmantel – und briet Kartoffeln.

„Guten Morgen“, sagte Mia und starrte auf das Kleidungsstück.

„Ach, du bist wach? Ich hab Frühstück gemacht. Erik braucht was Richtiges. Nicht dein Müsli.“

„Das ist mein Mantel.“

„Na und? Meiner ist zu Hause geblieben. Sei nicht kleinlich.“

Der Kühlschrank war leer.

„Wo sind die Lebensmittel? Ich habe gestern eingekauft.“

„Na gegessen“, erwiderte Maria schulterzuckend. „Erik wächst noch.“

„Ich habe für zwei Personen gekauft.“

Die Schwiegermutter drehte sich scharf um. „Zählst du etwa mit? Ich bin die Mutter deines Mannes!“

Erik erschien, noch feucht vom Duschen. „Dann koch halt mehr.“

Lukas setzte sich verschlafen an den Tisch. „Kartoffeln? Super.“

„Und ich?“, fragte Mia.

„Du wolltest doch abnehmen“, spöttelte Maria. „Da sind noch Sprotten.“

Mia bat Lukas ins Gespräch. Er wich aus. „Wir sind doch eine Familie.“

„Ich zahle alles“, entgegnete sie. „Miete, Nebenkosten, Essen.“

„Mama hat genug getan in ihrem Leben.“

Am Abend brachte Erik Freunde mit. Bierflaschen, Zigaretten, Gelächter. Als Mia sie hinauswarf und mit Polizei drohte, starrte Erik sie wütend an.

Später bereitete sie sich ihr Steak zu. Kerze. Wein. Ruhe.

Maria Krüger platzte herein. „Du isst allein?“

„Ja.“

Lukas kam hinzu, wollte probieren. Mia schlug seine Hand weg.

„Ich habe genug“, sagte sie ruhig. „Ich finanziere dieses Leben. Und ich will wenigstens in Ruhe essen.“

Die Nacht war laut.

Am Morgen stellte Lukas sie vor die Wahl: Entschuldigung oder er gehe mit seiner Mutter.

Mia sah ihn lange an. „Dann geht.“

Er blinzelte. „Was?“

„Packt eure Sachen.“

In der Küche herrschte Stille. Maria ließ die Kelle fallen. Erik verstand als Erster. „Wir hauen ab?“

„Ja“, sagte Lukas schließlich.

Eine Stunde später standen Koffer im Flur.

„Letzte Chance“, murmelte er.

„Nein.“

Maria verließ die Wohnung mit einem Blick voller Hass. Erik spuckte auf den Boden. „Versagerin“, zischte er.

Die Tür fiel ins Schloss.

Mia blieb stehen. Absolute Stille breitete sich aus. Keine Stimmen. Kein Fernseher. Kein Geruch von fremdem Essen. Nur das leise Ticken der Wanduhr begleitete sie.

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