Mit einer ruhigen Bewegung schob ich Leon Mayers Hand vom Kartenlesegerät beiseite, legte meine eigene Karte auf das Display und wartete. Ein fröhliches Piepen bestätigte die Zahlung, kurz darauf spuckte das Gerät den Beleg aus.
„Julia, was machst du denn? Bitte nicht! Ich rufe sofort meinen Sohn an, er überweist mir das Geld in einer Minute!“ Sein Gesicht lief fleckig an, als hätte ihn jemand ertappt.
„Leon, erst einmal tief Luft holen“, sagte ich möglichst gelassen und schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Wenn wir jetzt warten, bis deine App endlich funktioniert, müssen wir hier womöglich Teller schrubben, um die Rechnung abzuarbeiten. Und ehrlich gesagt – meine Maniküre von gestern würde das kaum überleben.“
Er versuchte zu schmunzeln, doch es geriet eher zu einer schiefen Grimasse.
„Das ist mir unfassbar peinlich… Ich will gar nicht wissen, was du jetzt von mir hältst. Das ist doch erniedrigend.“
Ich steckte den Bon in meine Tasche und begann, Schal und Mantel zusammenzusuchen. „Weißt du, letzte Woche stand ich im Supermarkt, und genau in dem Moment wurde meine Karte gesperrt. Hinter mir eine Schlange mit mindestens zehn missmutigen Damen und randvollen Einkaufswagen. Technik ist launisch. Also entspann dich. Heute lade ich dich ein – und nächstes Wochenende revanchierst du dich mit Kaffee und Kuchen. Abgemacht?“
Draußen begleitete er mich bis zum Taxi. Während wir warteten, nestelte er fahrig an einem Mantelknopf herum und entschuldigte sich wieder und wieder – ich glaube, mindestens fünfmal, bevor ich einstieg.
Zu Hause wischte ich mir das Make-up ab und atmete tief durch. Wahrscheinlich war das das abrupte Ende dieses kleinen Märchens. Das männliche Selbstwertgefühl ist zerbrechlicher, als viele zugeben möchten – ein einziger Fehlalarm am Kartenleser, und schon bekommt es Risse.
Vermutlich quälte er sich gerade vor Scham und würde morgen meine Nummer blockieren, vielleicht sogar gedanklich in eine andere Stadt fliehen, nur um dieser Erinnerung zu entkommen. Schade eigentlich. Er war wirklich ein sympathischer Mann.
In Gedanken verabschiedete ich mich von ihm und ging schlafen.
Am Dienstag lief im Büro alles seinen gewohnten Gang: Berichte prüfen, Tabellen aktualisieren, ein kurzer Plausch über das Aprilwetter mit den Kolleginnen. An das Treffen vom Vorabend dachte ich kaum noch, so sehr nahm mich die Arbeit in Beschlag.
