«Ich spreche davon, dass Mama lebt. Und du… du siehst das nicht.» — sagt Jonas, die Stimme bricht, Tränen laufen über sein Gesicht

Erschütternd, bewegend und zutiefst hoffnungsvoll zugleich.
Geschichten

Jonas blieb einen Moment neben dem Bett stehen und betrachtete das Gesicht seiner Mutter. Das feuchte Glänzen auf ihren Wangen verriet ihn sofort – sie hatte geweint.

„Mama“, hauchte er vorsichtig, kaum mehr als ein Atemzug. „Hast du alles gehört?“

Helena Baumgartner öffnete langsam die Augen. Ihr Blick suchte seinen, ruhig und wach.

„Jedes einzelne Wort“, antwortete sie leise.

Jonas setzte sich an ihre Seite und schloss behutsam ihre Hand in seine.

„Es tut mir leid“, sagte er stockend. „Ich wollte nicht, dass du es auf diese Weise erfährst.“

Sie schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Bitte entschuldige dich nicht“, flüsterte sie. „Ich bin dir dankbar. Dafür, dass du mich gesehen hast. Wirklich gesehen.“

Da brach es aus ihm heraus. Jonas’ Schultern bebten, Tränen tropften auf die Decke. Er beugte sich vor, legte seine Stirn an ihre.

„Ich helfe dir nicht, weil ich muss“, brachte er hervor. „Sondern weil ich zum ersten Mal in meinem Leben spüre, dass ich eine Mutter habe. Und ich will dich nicht verlieren.“

Helena schlang die Arme um ihn. In diesem Moment begriff sie etwas, das sie jahrelang falsch geglaubt hatte: Sie war nie eine Last gewesen. Nicht für einen von ihnen.

Leise öffnete sich erneut die Tür.

Matthias Kronauer stand im Rahmen. Sein Gesicht war gerötet, die Augen glänzten.

Helena sah ihn an. Er trat ein, zog den zweiten Stuhl heran und setzte sich schwerfällig.

„Mama“, sagte er tonlos. „Vergib mir.“

Sie schwieg, ließ ihn reden.

„Jonas hat recht“, fuhr Matthias fort. „Ich habe dich nicht wahrgenommen. Nicht in den letzten fünf Jahren. Vielleicht… vielleicht sogar noch länger.“

Etwas riss in ihr auf.

„Matthias…“

„Nein“, unterbrach er sie sanft. „Lass mich ausreden. Als Papa gestorben ist, dachte ich, ich müsse stark sein. Weil du stark warst. Weil du alles getragen hast. Und ich habe mir verboten, schwach zu sein.“

Er wischte sich über die Augen.
„Jonas hat sich das erlaubt. Er hat gefragt: ‚Mama, wie geht es dir?‘ Und du hast geantwortet. Ehrlich.“

Helena nickte, Tränen liefen ungehindert.

„Ich dachte immer, Stärke heißt, nicht zu weinen“, sagte Matthias. „Keine Hilfe zu brauchen. Alles in sich zu verschließen. So habe ich dich erlebt. Und das habe ich gelernt.“

„Es tut mir leid“, flüsterte Helena.

„Aber Jonas hat mir gezeigt“, sagte Matthias weiter, „dass wahre Stärke bedeutet, Hilfe anzunehmen. Und du tust das jetzt. Zum ersten Mal.“

Er stand auf, trat näher und nahm ihre freie Hand.

„Ich gebe dich nicht auf“, sagte er fest. „Nicht wegen Katharina Seidel. Nicht wegen Geld. Aus keinem Grund. Fünf Jahre sind kein Ende. Sie sind Leben. Und ich will dabei sein.“

Helena konnte nichts erwidern. Sie hielt beide Hände ihrer Söhne und weinte.

„Danke“, sagte Jonas leise zu Matthias.

Der sah ihn an. „Ich muss dir danken. Du hast nicht losgelassen.“

Jonas nickte. „Hätte ich nie gekonnt. Mama ist alles.“

Am Abend, als Helena das Krankenhaus verließ, begleiteten sie beide. Matthias trug die Einkäufe, Jonas kochte. Zum ersten Mal seit fünf Jahren saßen sie gemeinsam am Tisch.

Und Helena spürte: Die Krankheit hatte ihr das Leben nicht genommen. Sie hatte ihr ihre Söhne zurückgegeben. Beide.

Manchmal zerstört eine Krankheit nicht. Manchmal reißt sie Masken herunter und zeigt, wer wir sind.

Fünf Jahre war Helena krank gewesen. Doch jetzt, mit zweiundfünfzig, fühlte sie sich zum ersten Mal lebendig.

Nicht stark. Nicht makellos.

Sondern einfach Mutter.

Und ihre Söhne sahen sie nun.

Das änderte alles.

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