«Ich spreche davon, dass Mama lebt. Und du… du siehst das nicht.» — sagt Jonas, die Stimme bricht, Tränen laufen über sein Gesicht

Erschütternd, bewegend und zutiefst hoffnungsvoll zugleich.
Geschichten

Helena Baumgartner lag reglos im Krankenhausbett, die Finger lose am Rand der Decke, der Blick an die weiße Zimmerdecke geheftet. Nach jeder Chemotherapie fühlte es sich gleich an: eine bleierne Müdigkeit, eine innere Leere, als hätte jemand ihr alles Lebendige entzogen. Seit fünf Jahren war das so. Fünf Jahre, seit die Diagnose Brustkrebs ihr gesamtes Dasein aus den Angeln gehoben hatte.

Fünf Jahre.

Damals hatten die Ärzte von drei Jahren gesprochen. Höchstens. Und doch war Helena noch da. Sie kämpfte weiterhin. Sie atmete, sie wachte jeden Morgen auf. Sie lebte.

Zumindest irgendwie.

Es gab Tage, da fragte sie sich, wofür.

Neben ihr saß ihr jüngerer Sohn Jonas Feldmann auf der Kante eines harten Klinikstuhls und starrte auf sein Smartphone. Fünfunddreißig war er, jung, ehrgeizig, geschäftlich erfolgreich. Vor drei Jahren hatte er seine eigene Firma gegründet, und inzwischen lief alles glänzend. Neues Auto, moderne Wohnung, keine Geldsorgen.

Und trotzdem überwies er seiner Mutter jeden Monat Geld. Für Medikamente. Für Therapien. Für Fachärzte.

Helena hatte nie darum gebeten. In den ersten drei Jahren jedenfalls nicht. Doch in den letzten beiden blieb ihr keine Wahl. Ihre kleine Rente reichte hinten und vorne nicht für die kostspieligen Behandlungen. Und Jonas … Jonas hatte einfach überwiesen. Monat für Monat, pünktlich, ohne Fragen, ohne Vorwürfe.

Bis heute.

Heute war es anders gewesen.

Heute hatte Helena selbst um Hilfe gebeten.

Der Arzt hatte ihr von einer neuen Therapie erzählt. Innovativ. Belastend. Vor allem: extrem teuer. Aber vielleicht, nur vielleicht, schenkte sie ihr noch ein paar zusätzliche Jahre.

Und diese Jahre wollte Helena haben.

Als Jonas jedoch die Summe hörte, war ihm die Farbe aus dem Gesicht gewichen. Er hatte nicht widersprochen. Kein Nein ausgesprochen. Nur genickt und leise gesagt: „In Ordnung, Mama. Ich kümmere mich darum.“

Doch Helena hatte es gesehen. An seinem Blick, an der Spannung in seinem Kiefer. Sie wusste, dass es viel war. Vielleicht zu viel.

Während sie dalag und Jonas schweigend auf sein Display starrte, öffnete sich die Tür.

Matthias Kronauer trat ein. Der ältere Sohn. Zweiundvierzig, verheiratet, zwei Kinder, sichere Anstellung, ein Haus am Stadtrand.

Seit drei Jahren hatte Matthias keinen Cent zu Helenas Behandlung beigesteuert.

Sie hatte ihn nie direkt danach gefragt. Aber sie kannte den Grund. Seine Frau, Katharina Seidel. Katharina hatte einmal gesagt: „Fünf Jahre ist sie schon krank. Fünf Jahre. Wann hat das endlich ein Ende? Wie lange sollen wir das noch finanzieren?“

Helena hatte diese Worte gehört. Zufällig. Vor zwei Jahren, auf dem Krankenhausflur, als Matthias mit Katharina telefonierte und Helena gerade aus der Toilette kam.

Seitdem kam Matthias selten. Und wenn er erschien, nickte er höflich, fragte mechanisch: „Wie geht es dir, Mama?“ und verschwand wieder.

Doch jetzt war er hier.

Jonas hob den Kopf.

„Hallo, Matthias“, sagte er leise.

Matthias nickte knapp. „Hallo. Und? Wie geht es Mama?“

Jonas blickte zu Helena hinüber. Sie zwang sich zu einem Lächeln.

„Besser“, murmelte sie, obwohl es nicht stimmte.

Matthias setzte sich auf den freien Stuhl auf der anderen Seite des Bettes. Schweigen breitete sich aus. Schweres, unangenehmes Schweigen.

Dann erhob sich Jonas.

„Ich hole mir einen Kaffee“, sagte er. „Kommst du mit, Matthias?“

Matthias stand auf und nickte.

Helena verfolgte jede ihrer Bewegungen mit den Augen. Sie wusste, worüber sie sprechen würden. Jonas würde die Summe nennen. Und Matthias würde antworten, was Katharina immer sagte.

„Es reicht. Fünf Jahre. Fünf Jahre schon.“

Helena konnte nichts tun. Sie lag da, hörte ihren eigenen Atem und sah zu, wie ihre Söhne den Raum verließen.

Die Tür fiel ins Schloss.

Helena blieb allein zurück.

Und dann hörte sie es.

Stimmen. Draußen auf dem Flur. Matthias und Jonas. Gedämpft, nicht laut, aber deutlich genug.

Denn die Tür … die Tür war nicht ganz geschlossen.

Helena drehte langsam den Kopf zur Seite und sah, dass sie einen Spalt offen stand.

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