„Sie wird schon etwas finden. Man braucht eben Geduld. Und Mama hat nichts dagegen“, entgegnete Lukas schließlich.
Laura wollte noch widersprechen, doch sie sah ihm an, dass jedes weitere Wort zwecklos gewesen wäre. Wenn es um seine Schwester ging, verwandelte er sich. Er wusste selbst, dass Hannah unbeständig war, launisch, oft verantwortungslos – und trotzdem stellte er sich schützend vor sie. Seit dem Tod ihres Vaters hatte er sich als Sechzehnjähriger plötzlich in der Rolle des Familienoberhaupts wiedergefunden. Er jobbte neben der Schule, unterstützte Maria Böhm finanziell und brachte die zehnjährige Hannah zum Ballett- und Englischunterricht. Zwischen den Geschwistern war ein enges Band entstanden. Laura verstand das. Sie akzeptierte es sogar.
Aber Verständnis bedeutete nicht Zustimmung.
Eine Woche später stand Hannah vor ihrer Tür.
Es war Samstagmorgen. Laura saß noch im Morgenmantel in der Küche und trank ihren ersten Kaffee, als es klingelte. Lukas sprang auf wie ein aufgezogener Junge. Sekunden später hallte ein freudiger Aufschrei durch den Flur.
„Luki! Du fehlst mir so!“
Laura trat hinaus – und blieb unwillkürlich stehen. Hannah stand im Eingangsbereich wie aus einem Hochglanzmagazin gefallen: ein beigefarbener Kaschmirmantel, eine elegante Ledertasche, die garantiert kein Schnäppchen gewesen war, modische Stiefeletten. Ihr Haar saß perfekt, das Make-up wirkte professionell, und ein intensiver, vermutlich französischer Duft erfüllte den Raum.
„Laura!“ Hannah breitete die Arme aus und zog sie überschwänglich an sich. „Du siehst großartig aus!“
„Danke“, erwiderte Laura höflich und löste sich aus der Umarmung. „Du ebenfalls.“
Im Wohnzimmer legte Hannah den Mantel ab. Darunter kam ein figurbetontes Kleid zum Vorschein, dazu ein zartes Goldarmband und eine Uhr, die – da war sich Laura sicher – mehr kostete als ihr gesamtes Monatsgehalt.
„Wie geht es Maria?“, fragte Laura und stellte Teetassen auf den Tisch.
„Ach, Mama ist wie immer. Sie arbeitet noch“, sagte Hannah mit einer lässigen Handbewegung. „Sie behauptet, ohne Job würde ihr langweilig werden. Ich sage ihr ständig, sie soll kürzertreten – aber sie hört ja nicht.“
„Vielleicht bräuchte sie Unterstützung“, bemerkte Laura vorsichtig.
„Wir kommen schon klar“, winkte Hannah ab und wandte sich wieder Lukas zu. „Und Hamburg – ich sage dir, ich hatte genug davon! Dieses Tempo, diese falschen Leute. Alle tun so, als wären sie Freunde, aber am Ende denkt jeder nur an sich.“
Lukas nickte mitfühlend. Laura schwieg.
„Und dieser Maximilian Meier“, fuhr Hannah fort, nun mit bitterem Unterton. „Er hat mir das Blaue vom Himmel versprochen. Hochzeit, gemeinsame Zukunft – ich sei die Einzige. Und dann ist er einfach ausgezogen. Später erfahre ich, dass es noch eine andere gab. Kannst du dir das vorstellen?“
„Was für ein Idiot“, murmelte Lukas. „Ich hätte mit ihm reden sollen.“
„Vergiss es“, seufzte Hannah und setzte sofort wieder ihr strahlendes Lächeln auf. „Jetzt bin ich hier. Und hier finde ich mein Glück.“
Laura betrachtete sie aufmerksam. Kein Anflug von Scham. Kein schlechtes Gewissen. Da saß sie geschniegelt und geschniegelt in Designerstücken, während ihre Mutter in der Schulkantine Essen ausgab.
„Suchst du dir hier eine Stelle?“, fragte Laura schließlich direkt.
„Natürlich!“ Hannahs Augen leuchteten. „Ich habe schon einige Bewerbungen verschickt. Aber du weißt ja, in Hamburg war ich einen gewissen Standard gewohnt. Ich kann nicht für ein paar Euro irgendwo anfangen. Es muss schon etwas Angemessenes sein.“
„Verstehe“, sagte Laura ruhig, während sich in ihr ein Knoten aus Ärger bildete.
Hannah beugte sich verschwörerisch vor. „Außerdem muss ich mein Niveau halten. Ich möchte schließlich heiraten. Und auf dem Heiratsmarkt – besonders in unserem Alter – zählt der Eindruck. Ein erfolgreicher Mann schaut keine Frau in Billigklamotten an.“
Laura hob eine Augenbraue. „Und womit finanzierst du dieses Niveau?“ Ihr Blick glitt demonstrativ zu der teuren Tasche.
Hannah lächelte geheimnisvoll. „Ich habe meine Möglichkeiten. Keine Sorge.“
Ein Sponsor, dachte Laura sofort. Ein wohlhabender Gönner. Also doch kein Geld von Maria. Ein Teil von ihr war erleichtert.
Nach diesem ersten Besuch tauchte Hannah regelmäßig auf. Einmal pro Woche, manchmal öfter. Entweder kam sie zu ihnen, oder Lukas fuhr zu seiner Mutter. Er kehrte dann meist nachdenklich zurück, antwortete auf Nachfragen jedoch knapp: Alles in Ordnung. Mama geht es gut. Hannah bemüht sich.
Laura hielt sich zurück. Zwischen ihr und Lukas bestand eine unausgesprochene Vereinbarung: Seine Familie war sein Bereich, ihre Angelegenheiten waren die ihren. Fünf Jahre hatte dieses Gleichgewicht funktioniert – warum sollte es plötzlich kippen?
Der Sommer verging beinahe unbemerkt. Laura arbeitete unermüdlich, blieb oft bis spät im Büro, um sich in ihre neuen Aufgaben einzuarbeiten. Lukas unterstützte sie, machte ihr keine Vorwürfe wegen der langen Abende. Monat für Monat wuchs ihr gemeinsames Erspartes. Laura kontrollierte regelmäßig die Banking-App und verspürte jedes Mal ein kleines Glücksgefühl, wenn die Zahlen weiter anstiegen.
Anfang September erhielt sie ihren Jahresbonus. Eine beachtliche Summe – fast ein Drittel dessen, was sie für das Auto veranschlagt hatten, das sie sich schon lange wünschte. Noch am selben Tag begann Laura, im Kopf zu rechnen und neue Pläne zu schmieden.
