„Hast du etwa die Karte sperren lassen? Wovon sollen meine Mutter und deine Schwester denn jetzt leben?“ brüllte Lukas Roth durch den Flur, seine Frau reagierte nur mit einem ruhigen, beinahe amüsierten Lächeln

Die stolze Freude wirkt plötzlich verletzlich und gefährlich.
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„Hast du etwa die Karte sperren lassen? Wovon sollen meine Mutter und deine Schwester denn jetzt leben?“ brüllte Lukas Roth durch den Flur. Doch seine Frau reagierte lediglich mit einem ruhigen, beinahe amüsierten Lächeln.

Die Gehaltserhöhung kam Ende März. Draußen lagen noch graue Schneereste am Straßenrand, aber in der Luft lag bereits dieser feine, kaum wahrnehmbare Duft nach Frühling. Laura Bergmann saß im Büro von Alexander Böhm, den Umschlag mit dem neuen Arbeitsvertrag in den Händen, und starrte ungläubig auf die Zahlen.

Zwanzig Prozent mehr als bisher. Und damit künftig mehr als Lukas verdiente.

„Herzlichen Glückwunsch, Frau Bergmann“, sagte Alexander Böhm und lehnte sich zufrieden zurück. „Drei Jahre ohne einen einzigen Fehltritt, dazu zwei erfolgreich abgeschlossene Großprojekte im letzten Jahr. Solche Leistung bleibt bei uns nicht unbeachtet.“

Auf dem Heimweg spürte Laura ein eigenartiges Gemisch aus Stolz und Beklommenheit. In ihrer Ehe war Lukas immer selbstverständlich der Hauptverdiener gewesen. Es hatte sich einfach so ergeben. Er arbeitete als Bauingenieur in einem renommierten Unternehmen, mit solidem Einkommen und sicheren Perspektiven. Sie hingegen war als Managerin in einer Logistikfirma tätig gewesen, mit etwas geringerem Verdienst. Es hatte nie Anlass gegeben, über Machtverhältnisse oder Geldaufteilung zu diskutieren. Alles war harmonisch gewesen.

„Lukas, ich habe Neuigkeiten!“, rief sie, kaum dass sie die Wohnung betreten und die Schuhe abgestreift hatte.

Er kam aus der Küche, eine Teetasse in der Hand, in bequemer Jogginghose und einem alten T‑Shirt. Nach fünf Ehejahren kannte Laura jede seiner Stimmungen – am Blick, an der Haltung, selbst daran, wie er die Tasse hielt.

„Ich bin befördert worden. Ab sofort leite ich die Abteilung.“

Er stellte die Tasse ab und zog sie spontan in seine Arme. „Das ist fantastisch! Ich wusste, dass du das schaffst. Das hättest du schon längst verdient.“

Sie schmiegte sich an ihn, atmete den vertrauten Duft seines Rasierwassers und des frischen Waschmittels ein.

„Und ich verdiene jetzt mehr als du“, fügte sie leise hinzu, fast vorsichtig.

Lukas wich einen Schritt zurück, musterte sie kurz – und lachte dann. „Na wunderbar! Dann lasse ich mich künftig von meiner erfolgreichen Frau aushalten. Ich liege auf dem Sofa und trinke Bier.“

Er legte gespielt dramatisch eine Hand auf die Brust, und beide mussten lachen. Die Spannung löste sich augenblicklich. Am Abend öffneten sie eine Flasche Sekt in ihrer kleinen Küche und schmiedeten Pläne.

„Wir sollten ein separates Konto eröffnen“, schlug Lukas vor, während er ihr nachschenkte. „Für ein neues Auto. Unseres ist über zehn Jahre alt und ächzt bei jedem Schlagloch. Es wird Zeit.“

Laura nickte zustimmend. „Aber ohne Kredit. Wir sparen konsequent und zahlen bar. Ich überweise jeden Monat zwanzig Prozent meines Gehalts, du machst das Gleiche. Dann reicht es bald für einen ordentlichen Wagen aus dem Ausland.“

Sie stießen an. In diesem Moment fühlte sich Laura vollkommen zufrieden. Sie hatten ein gemeinsames Ziel, arbeiteten als Team. Was konnte man sich mehr wünschen?

Eine Woche später eröffneten sie das Konto. Es lief auf ihren Namen – schlicht, weil sie zuerst Zeit gefunden hatte, zur Bank zu gehen. Lukas hatte nichts dagegen. Ihm sei es egal, meinte er, Hauptsache, das Geld wachse. Und tatsächlich: In den ersten Monaten funktionierte alles reibungslos. Beide überwiesen ihren vereinbarten Anteil. Bis zum Frühsommer war bereits eine beachtliche Summe zusammengekommen.

Dann meldete sich Hannah Krause.

Laura war gerade im Büro, als Lukas ihr eine knappe Nachricht schickte: „Hannah kommt aus Hamburg zurück. In einer Woche ist sie hier.“ Kein Smiley, kein Kommentar.

Hannah – seine jüngere Schwester, gleich alt wie Laura, achtundzwanzig Jahre alt. Vor drei Jahren war sie mit großem Drama nach Hamburg gezogen. Sie hatte behauptet, ihre Heimatstadt ersticke sie, sie brauche Perspektive, Karriere, ein echtes Leben. Maria Böhm hatte tagelang geweint und versucht, sie umzustimmen. Vergeblich. Hannah war entschlossen gewesen. Sie hatte einen Freund dort, einen Hamburger, und eine angeblich vielversprechende Stelle.

„Was ist passiert?“, schrieb Laura zurück.

„Erzähle ich heute Abend.“

Als er heimkam, war seine Stimmung gedrückt. Er lief rastlos durch die Wohnung, antwortete ausweichend auf ihre Fragen. Schließlich setzte er sich ihr gegenüber an den Tisch und platzte heraus:

„Sie und Maximilian Meier haben sich getrennt. Er hat Schluss gemacht, ist ausgezogen und hat seinen Anteil an der Miete nicht mehr übernommen. Hannah kann sich die Wohnung allein nicht leisten. Und der Job? War ein Reinfall. Große Versprechungen, mickriges Gehalt. Sie zieht zurück zu Mama.“

Laura legte langsam ihre Gabel beiseite. „Zu deiner Mutter? Maria Böhm ist fast siebzig. Sie ist Rentnerin.“

„Sie arbeitet noch stundenweise in der Schulkantine“, erwiderte Lukas. „Ein bisschen nebenbei.“

„Lukas“, sagte Laura ruhig, doch innerlich brodelte es, „deine Schwester ist achtundzwanzig. Sie ist erwachsen. Wie kann sie einfach zurückkommen und sich von einer älteren Frau versorgen lassen?“

Sein Kiefer spannte sich an. „Was soll sie denn sonst tun? Auf der Straße landen? Sie ist meine Schwester.“

„Sie soll sich Arbeit suchen. Notfalls ein Zimmer mieten. Ihr Leben selbst in die Hand nehmen – wie jeder normale Mensch es tut.“

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