Katharina Meier blieb wie angewurzelt im Türrahmen des Kinderzimmers stehen. Ihr Blick fiel auf das leere Bett. Die Decke war zurückgeschlagen, der Plüschhase lag achtlos auf dem Boden, und das gekippte Fenster stand sperrangelweit offen, sodass eisige Januarluft ins Zimmer strömte. Ihr Herz rutschte ihr in die Magengrube.
„Emma?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Sie ahnte bereits, dass keine Antwort kommen würde.
Die Wanduhr zeigte 20:30 Uhr. Katharina war heute früher aus dem Büro gegangen, weil die Heizung ausgefallen war. Eigentlich hätte sie ihre Tochter längst schlafend vorfinden müssen – und Alexander Lorenz wie üblich auf dem Sofa, den Fernseher an. Stattdessen empfing sie eine stille, ausgekühlte Wohnung, die sich fremd und bedrohlich anfühlte.
Gerade als sie die Nummer ihres Mannes wählen wollte, klingelte ihr Handy. Auf dem Display erschien sein Name.
„Wo seid ihr?“ platzte sie ohne Begrüßung heraus. „Und warum ist es hier eiskalt? Wo ist Emma?“

„Jetzt beruhig dich“, entgegnete Alexander genervt – in genau diesem Ton, den er immer anschlug, wenn sie unbequeme Fragen stellte. „Wir sind bei meiner Mutter. Hörst du? Bei meiner Mutter. Es ist alles in Ordnung.“
„Bei deiner Mutter? Um diese Uhrzeit? Emma muss morgen in den Kindergarten!“
„Katharina, fang bitte nicht wieder an. Sie wollte ihre Enkelin sehen. Wir sind nur kurz vorbeigefahren und machen uns gleich auf den Rückweg.“
Ein ungutes Gefühl kroch ihr in die Fingerspitzen. Elisabeth Walter wohnte am anderen Ende der Stadt, in einem alten Wohnblock nahe des Industriegebiets. Selbst ohne Verkehr brauchte man mindestens vierzig Minuten dorthin.
„Ihr seid bei minus zwanzig Grad quer durch die Stadt gefahren? Abends? Alexander, Emma hatte erst letzte Woche Fieber! Die Kinderärztin hat ausdrücklich gesagt—“
„Immer diese Ärztin“, unterbrach er sie mit hörbarer Verachtung. „Du klammerst dich an jedes ihrer Worte. Meine Mutter meint, ein Kind braucht frische Luft statt ewiges Stubenhocken. Abhärtung ist wichtig. Man darf sie nicht ständig einpacken wie ein rohes Ei. Wir sind gleich da.“
Er legte auf.
Katharina stand mitten im Zimmer, das Telefon so fest umklammert, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Draußen heulte der Wind und trieb feinen Schnee gegen die Fensterscheiben. Sie selbst war vom Bahnhof bis zur Wohnung fast gerannt, tief in ihren Daunenmantel gehüllt. Und ihre fünfjährige Tochter, die sich gerade erst von einer schweren Erkältung erholt hatte, fuhr bei dieser Kälte durch die Stadt – weil es die Schwiegermutter so wollte.
Eineinhalb Stunden später hörte sie endlich die Haustür ins Schloss fallen und Schritte im Flur. Katharina kam aus der Küche, wo sie vergeblich versucht hatte, sich mit heißem Tee aufzuwärmen – und erstarrte.
Emma stand im Eingangsbereich. Ihr Gesicht war blass, die Lippen leicht bläulich verfärbt. Auf dem Kopf trug sie eine dünne, gehäkelte Mütze – ein Geschenk von Elisabeth vom letzten Weihnachtsfest, „so hübsch und fein für ein Mädchen“. Die Jacke hing offen, ein Schal fehlte völlig. An den Füßen: Herbstschuhe mit dünner Sohle.
„Mama“, hauchte Emma kaum hörbar. Ihr kleiner Körper zitterte unkontrolliert, wie ein verängstigtes Tier.
Katharina stürzte zu ihr, hob sie hoch und zog sie fest an sich. Die Wangen des Kindes waren eiskalt, die Hände fühlten sich an wie gefrorene Zweige.
„Alexander!“ Ihre Stimme überschlug sich. „Wo ist ihre Winterjacke? Die Mütze? Die Handschuhe?“
Er hantierte noch am Türschloss und wich ihrem Blick aus. Nach Besuchen bei seiner Mutter wirkte er stets gleich – halb schuldbewusst, halb trotzig.
„Meine Mutter sagt, du übertreibst“, murmelte er. „Ein Kind muss Kälte spüren, sonst lernt der Körper nicht, sich zu wehren. Das nennt man Abhärtung. Das machen normale Leute so.“
„Abhärtung?“ Katharina spürte, wie ihre Stimme schrill wurde. „Du nennst es Abhärtung, ein krankes Kind ohne Winterkleidung bei Frost herumzufahren?“
„Schrei mich nicht an!“ Jetzt sah er sie direkt an. „Meine Mutter weiß, wovon sie spricht. Sie hat drei Kinder großgezogen. Und du? Du hast ein einziges und behandelst sie, als wäre sie aus Glas. Kein Wunder, dass sie bei jedem Luftzug schlappmacht. Meine Mutter meint—“
„Es interessiert mich nicht, was deine Mutter meint!“ Katharina trug Emma ins Badezimmer und drehte das heiße Wasser auf. „Mein Kind ist durchgefroren, und du redest von Erziehungsmethoden!“
Emma sagte nichts. Gerade das machte Katharina Angst – sonst plapperte sie ununterbrochen. Jetzt klammerte sie sich wortlos an ihre Mutter, ihr kleiner Körper bebte, während sie mit großen, erschöpften Augen zu ihr aufsah.
