„Hier ist ja kaum Raum für uns zwei.“ lächelte sie schief, ohne sich umzudrehen

Pragmatisch, erschöpft: diese Wohnung wirkt hoffnungslos klein.
Geschichten

Laura atmete einmal tief durch und zwang sich zur Ruhe.

— Helena Ludwig, das ist eine Angelegenheit zwischen Leon und mir. Wir klären das selbst.

— Natürlich, natürlich, — entgegnete die Schwiegermutter kühl. — Dann klärt es eben.

Die Leitung wurde unterbrochen. Laura legte das Handy langsam neben das Schneidebrett. Die halb geschnittenen Paprika lagen verstreut, das Messer steckte noch im Holz. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Finger zitterten.

Am Samstagmorgen wachte sie mit einem klaren Vorsatz auf: Sie würden in den Park fahren. Seit Wochen hatten sie davon gesprochen — raus ins Grüne, durch den herbstlichen Wald spazieren, am kleinen See auf einer Bank sitzen und Kaffee aus der Thermoskanne trinken. So wie früher, als alles noch leicht gewesen war.

Leon saß bereits in der Küche und starrte auf sein Display.

— Wann wollen wir los? — fragte sie, während sie Tee eingoss.

Er sah nicht auf.

— Laura, wir verschieben das besser. Ich muss zu Marlene fahren.

Die Teekanne verharrte in ihrer Hand. — Wieso?

— Meine Mutter hat angerufen. Es gibt wohl etwas Dringendes zu besprechen.

Dringend. Laura kannte dieses „dringend“ inzwischen. Es bedeutete Diskussionen, Vorwürfe, moralischen Druck — und am Ende stand sie als die Kaltherzige da.

— Wir planen das seit zwei Wochen, Leon.

— Tut mir leid. Ich fahre kurz hin und komme zurück. Abends können wir noch eine Runde drehen.

— Abends ist es stockdunkel.

Er zuckte mit den Schultern, stand auf und drückte ihr flüchtig einen Kuss aufs Haar.

— Sei nicht eingeschnappt. Es geht um die Familie.

Die Wohnungstür fiel ins Schloss. Zurück blieb Stille — und ein dumpfes Gefühl zwischen Ärger und Enttäuschung.

Trotzdem fuhr sie in den Park. Allein.

Unter ihren Schuhen raschelte das Laub in Gelb- und Rottönen. Die Luft roch nach feuchter Erde, irgendwo lag der Duft eines fernen Holzfeuers in der Kälte. Die Bank am Teich war noch nass vom Morgentau. Laura wischte sie mit einem Taschentuch trocken, setzte sich und schenkte sich Kaffee ein.

Vor einem Jahr hatten sie genau hier gesessen. Leon hatte den Arm um sie gelegt und lachend von einem Kunden erzählt, der eigenhändig seine Waschmaschine reparieren wollte und am Ende die Nachbarn unter Wasser setzte. Sie hatte sich an ihn geschmiegt und dieses sichere Gefühl genossen, das sie bei ihm immer gehabt hatte.

Damals lebte Helena Ludwig noch in Hannover. Ein Anruf pro Woche, sonntags, freundlich und mit Distanz. Eine Schwiegermutter auf Abstand war erträglich.

Dann verkaufte sie ihre Wohnung, investierte in einen Neubau hier in der Stadt und zog vorübergehend zu Marlene, „bis alles fertig ist“. Mit dem Umzug änderte sich alles.

Seitdem klingelte Leons Telefon täglich. „Leon, denk an deine Schwester.“ — „Leon, Marlene hat es schwer.“ — „Blut ist dicker als Wasser.“
Und jeden Abend saß ihr Mann schweigend neben ihr, das Handy in der Hand. Jedes Wochenende hieß es: „Ich muss kurz bei Mama vorbei.“

Laura nahm einen Schluck von dem inzwischen lauwarmen Kaffee. Enten zogen Kreise über das Wasser, Kinderstimmen hallten vom Spielplatz herüber. Sie saß allein auf der feuchten Bank und fragte sich, wann sie in ihrem eigenen Leben zur Außenseiterin geworden war.

Leon kam erst spät zurück. Sie lag bereits im Bett und scrollte gedankenlos durch Nachrichten.

— Und? — fragte sie, ohne sich umzudrehen. — Wie war’s?

— Ganz okay. — Er setzte sich, zog die Socken aus. — Ich bin erledigt. Lass uns morgen reden.

Morgen also.

Am nächsten Tag stand Laura früh auf. Sie machte Rührei, toastete Brot, stellte Kaffee auf den Tisch. Als Leon sich setzte, herrschte Schweigen. Er aß ein paar Bissen, schob den Teller weg und sah sie ernst an.

— Ich habe eine Entscheidung getroffen.

Die Tasse blieb in Lauras Hand stehen. — Welche?

— Ich werde die Bürgschaft übernehmen. Wir haben gestern alles durchgesprochen — mit Mama, mit Marlene, mit Finn. Es geht ihnen wirklich nicht gut. Und der Kleine, Emil… Der wächst in einer winzigen Mietwohnung auf. Du weißt doch selbst, wie schwierig das sein kann. Wenn wir nicht helfen, wer dann? Wozu hat man Familie?

Langsam stellte sie die Tasse ab.

— Leon, wir haben darüber geredet. Du zahlst noch deine eigenen Kredite. Wenn sie irgendwann nicht mehr zahlen können —

— Das werden sie! — Seine Hand schlug auf den Tisch. — Es ist Marlene, meine Schwester! Wir sind zusammen groß geworden.

— Und wenn Finn seinen Job verliert? Oder wenn sie sich trennen?

— Warum malst du ständig den Teufel an die Wand? — Er funkelte sie an. — Du steigerst dich in etwas hinein. Du hast keine Geschwister, du verstehst das nicht.

Die Worte trafen sie härter, als sie erwartet hatte.

— Ich verstehe sehr wohl etwas von Verantwortung. Ich denke an uns.

— An uns? — Er lachte kurz auf. — Seit wir diese Wohnung haben, bist du anders. Früher warst du nicht so misstrauisch.

— Früher standen wir nicht vor solchen Entscheidungen, — erwiderte sie leise.

— Früher hast du mir vertraut! Jetzt blockierst du alles. Vielleicht hat Mama recht — du legst uns nur Steine in den Weg.

Laura spürte, wie sich Hitze in ihr ausbreitete.

— Also habt ihr gestern zu dritt beschlossen, dass ich das Problem bin?

— Niemand beschließt so etwas! — Er fuhr sich durchs Haar. — Es reicht. Ich gehe.

— Wohin?

— Zu Mama. Beziehungsweise zu Marlene. Bis du dich beruhigt hast und aufhörst, Unsinn zu reden.

Er verschwand im Flur. Sie hörte, wie er eine Tasche packte, Reißverschlüsse zuzog, Dinge achtlos hineinwarf. Kurz darauf fiel die Tür mit einem harten Knall ins Schloss.

Stille.

Laura blieb am Tisch sitzen und starrte auf das kalte Rührei. Auf seinen Teller. Auf ihre halbleere Tasse. Draußen schien die Sonne, Menschen gingen vorbei, irgendwo lachte ein Kind.

Und sie saß allein in einer Wohnung, für die sie jeden Monat zweiunddreißigtausend Euro Miete zahlte, und fragte sich, ob es noch ihr gemeinsames Zuhause war — oder nur noch ihres.

Die ersten zwei Tage wartete sie auf einen Anruf. Jedes Vibrieren ließ ihr Herz schneller schlagen. Doch es kam nichts. Keine Nachricht, kein Wort. Nur die leere Wohnung und das Summen des Kühlschranks.

Am dritten Tag öffnete sie schließlich die sozialen Netzwerke. Eigentlich wollte sie nur nachsehen, was Sophia Hartmann so machte, ein wenig Ablenkung suchen — ohne zu ahnen, worauf sie dabei stoßen würde.

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