„Hier ist ja kaum Raum für uns zwei.“ lächelte sie schief, ohne sich umzudrehen

Pragmatisch, erschöpft: diese Wohnung wirkt hoffnungslos klein.
Geschichten

— Aha, so ist das also, — sagte sie gedehnt. Einen Augenblick schwieg sie, ließ die Fingerspitzen rhythmisch auf die Tischplatte klopfen. — Dann soll eben Leon als Bürge unterschreiben. Dass sein Einkommen nicht offiziell läuft, spielt doch keine Rolle. Der Kredit wird ja nicht auf ihn aufgenommen. Er setzt nur seine Unterschrift für seine Schwester darunter, weiter nichts.

Laura erstarrte, die Tasse noch in der Hand. Sie wartete darauf, dass Leon protestierte. Dass er sagte: „Mama, ich habe selbst laufende Kredite, das kommt nicht infrage.“

Doch er sagte nichts. Drehte nur den Löffel zwischen den Fingern, starrte auf den Tisch. Schließlich murmelte er:

— Hm … darüber müsste man nachdenken.

Langsam wandte Laura den Kopf zu ihm. Er wich ihrem Blick aus.

— Marlene ist doch Familie, — fügte er hinzu. — Und Finn ist ein vernünftiger Kerl, er arbeitet. Die lassen uns nicht hängen.

— Eben. Blut ist dicker als Wasser, — bestätigte Helena Ludwig mit einem zufriedenen Nicken.

Laura schwieg. In ihr breitete sich eine kühle, fremde Empfindung aus. Sie musterte ihren Mann und fragte sich, ob sie ihn wirklich kannte. Erwog er das ernsthaft? Bürge werden, während ihm selbst die Schulden im Nacken saßen?

Nach dem Essen machte sich Helena Ludwig zum Aufbruch bereit. Im Flur umarmte sie Leon herzlich und nickte Laura knapp zu.

— Denkt in Ruhe darüber nach. Ich verlange ja kein Geld, nur eine Unterschrift. Marlene ist seine Schwester, kein fremder Mensch.

Die Tür fiel ins Schloss. Laura ging wortlos in die Küche und begann abzuwaschen. Kurz darauf erschien Leon im Türrahmen.

— Warum sagst du nichts? — fragte er.

— Was erwartest du von mir?

— Meine Mutter bittet um Hilfe. Marlene steckt wirklich fest.

Laura drehte das Wasser ab und sah ihn direkt an.

— Leon, meinst du das ernst? Wir sind gerade erst eingezogen. Fünfundzwanzig Jahre Hypothek liegen vor uns. Und du willst Bürge werden, obwohl deine eigenen Kredite laufen?

— Du kennst Finn doch.

— Ich weiß nur, dass seine bestehenden Schulden der Grund sind, warum die Bank ihnen keinen Kredit gewährt. Mehr muss ich nicht wissen.

Leon zuckte mit den Schultern.

— Lassen wir das. Wir klären das schon.

Er verschwand ins Wohnzimmer. Laura blieb am Spülbecken stehen und blickte aus dem Fenster. Am Kühlschrank, neben ihrem Taschenrechner, prangte der weiße Hannover-Bär als Magnet — ein Souvenir, das sie nie gewollt hatte.

Ihr Handy klingelte, als sie sich die Hände abtrocknete. Sophia Hartmann.

— Na, wie lebt es sich im neuen Palast? Habt ihr euch schon eingerichtet?

Laura schnaubte leise.

— Palast ist übertrieben. Eher eine kleine Nebenresidenz. Komm vorbei, wir trinken Tee auf dem Balkon. Die Aussicht ist immerhin schön.

— Gute Idee. In einer halben Stunde bin ich da.

Eine Stunde später saßen sie auf dem schmalen Balkon. Unten erstreckte sich ein Feld, dahinter begann eine Reihe von Bäumen, deren Blätter bereits einen Hauch von Gelb trugen. Sophia hörte aufmerksam zu, unterbrach nicht. Laura erzählte alles — vom Abendessen, von Helena Ludwig, von Marlene und der Bürgschaft. Und davon, dass Leon nicht „nein“ gesagt hatte.

— Moment, — sagte Sophia schließlich und hob die Hand. — Die Wohnung läuft ausschließlich auf deinen Namen?

— Ja. Der Makler hat geraten, Leon außen vor zu lassen. Sein Einkommen ist nicht offiziell, dazu die Kreditkarte mit zweihunderttausend Euro Rahmen und ein weiterer Kredit. Die Bank hätte alles durchleuchtet und es nur komplizierter gemacht. Also wurde alles auf mich eingetragen.

— Und jetzt soll er für seine Schwester bürgen?

— Genau.

Sophia schüttelte den Kopf.

— Hat er zugestimmt?

— Er meinte, man müsse darüber nachdenken.

— Nachdenken? — Sophia verzog das Gesicht. — Laura, eine Bürgschaft ist kein harmloses Formular. Wenn sie nicht zahlen, haftet er. Und wenn er es nicht stemmen kann, betrifft es euch beide. Ihr lebt zusammen, ihr wirtschaftet gemeinsam.

— Das ist mir klar.

— Und trotzdem zieht er es in Betracht?

Laura antwortete nicht sofort. Ihr Blick blieb auf dem Feld hängen.

— Er hat nicht widersprochen, — sagte sie leise. — Kein „Mama, unmöglich“. Nur dieses „Ich überlege es mir“.

Sophia schwieg einen Moment.

— Weißt du, was mich stört? Nicht, dass die Schwiegermutter fragt. Das tun sie immer. Sondern dass er nicht sofort eine Grenze gezogen hat.

Laura nickte. Genau das war es. An Helena Ludwigs Dreistigkeit hatte sie sich gewöhnt. Aber dass Leon überhaupt ins Grübeln kam — das traf sie.

Als Sophia später ging, schloss Laura hinter ihr die Tür und kehrte in die Küche zurück. Leon saß im Wohnzimmer, vertieft in sein Handy. Er kam nicht heraus, fragte nicht, worüber sie gesprochen hatten.

Ihr Blick fiel auf den Kühlschrank. Der Magnet mit der Aufschrift „Alles wird gut“, ein Geschenk ihrer Mutter, war an den Rand gerutscht. In der Mitte hing nun der weiße Hannover-Bär — ungefragt, unübersehbar.

Die nächsten Tage zogen sich endlos. Jeden Abend dasselbe Ritual: Gegen acht klingelte Leons Telefon, auf dem Display erschien „Mama“, und er verschwand auf den Balkon, die Tür nur angelehnt. Laura hörte Wortfetzen: „Ja … ich verstehe … ich rede mit ihr …“

Wenn er zurückkam, war seine Miene verschlossen. Auf ihre Fragen reagierte er knapp: „Alles gut“, „Nichts Besonderes“. Dann Stille bis zum nächsten Anruf.

Am Donnerstag klingelte ihr eigenes Telefon.

Laura stand gerade am Herd und schnitt Gemüse, als „Helena Ludwig“ auf dem Display erschien. Sie trocknete sich die Hände, zögerte einen Augenblick und nahm ab.

— Laura, meine Liebe, guten Tag, — begann die Schwiegermutter mit ungewohnt sanfter Stimme. — Wie geht es euch? Habt ihr euch eingelebt?

— Es geht voran.

— Das freut mich sehr. — Eine kurze Pause. — Ich rufe an, weil ich gehört habe, dass du etwas gegen die Bürgschaft hast.

Laura umklammerte das Handy fester.

— Ich habe nichts dagegen. Ich weise nur auf mögliche Konsequenzen hin.

— Ach welche Konsequenzen denn! — Der Ton wurde schärfer. — Ihr verliert dadurch nichts. Marlene ist seine Schwester. Ich stehe persönlich dafür ein. In einer Familie sollte man Vertrauen zeigen und sich nicht von Ängsten leiten lassen.

— Es geht nicht um Angst. Wenn sie die Raten nicht aufbringen können …

— Wer sagt denn, dass sie das nicht schaffen? — fiel Helena Ludwig ihr ins Wort. — Finn arbeitet, Marlene arbeitet. Woher nimmst du diese Schwarzmalerei? Du blockierst das Ganze und wunderst dich dann, dass Leon niedergeschlagen ist.

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