„Hier ist ja kaum Raum für uns zwei.“ lächelte sie schief, ohne sich umzudrehen

Pragmatisch, erschöpft: diese Wohnung wirkt hoffnungslos klein.
Geschichten

— So, jetzt könnten wir eigentlich auch über Nachwuchs nachdenken.

Leon König trat von hinten an sie heran, legte die Arme um ihre Taille und vergrub sein Gesicht in ihrem Nacken. Laura Albrecht stand mitten im Wohnzimmer und ließ den Blick über die beigefarbenen Wände schweifen, die der Bauträger in neutraler Standardoptik hinterlassen hatte. Das Nötigste war bereits geliefert worden: ein Sofa, ein Tisch, Waschmaschine und Kühlschrank. Doch Vorhänge fehlten noch, Kartons stapelten sich ungeöffnet an der Wand, Kleinigkeiten warteten darauf, ihren Platz zu finden. Es roch nach frischer Farbe und dem leicht stechenden Duft neuen Laminats.

— Über Kinder? — Sie lächelte schief, ohne sich umzudrehen. — Hier ist ja kaum Raum für uns zwei.

— Dann verdienen wir eben mehr und ziehen irgendwann größer.

— Klar. Erst zahlen wir fünfundzwanzig Jahre diesen Kredit ab und nehmen danach den nächsten auf. Mit siebzig beziehen wir dann vielleicht eine Zweizimmerwohnung.

Leon ließ sie los, ging langsam durch den Raum und fuhr mit der Hand über das Fensterbrett.

— Du rechnest immer gleich alles durch.

— Irgendwer muss es ja tun.

Sie sagte es in leichtem Ton, fast spielerisch. Trotzdem zog sich etwas in ihr zusammen.

Ein Blick auf seine Uhr, ein leises Fluchen.

— Ich muss los. Um drei habe ich einen Auftrag. Eine Waschmaschine läuft aus, die Kundin war am Telefon kurz vorm Nervenzusammenbruch.

— Na dann, verdien uns die größere Wohnung.

Er küsste sie auf den Scheitel und verschwand. Kurz darauf fiel die Tür ins Schloss, der Aufzug brummte. Stille senkte sich über die Wohnung.

Laura ging langsam durch die Zimmer, strich über die Wände. Ihre Wohnung. Genauer gesagt: die Wohnung, die auf ihren Namen lief. Als sie den Kredit beantragt hatten, hatte der Makler ohne Zögern geraten, Leon nicht einzutragen. Sein Einkommen war inoffiziell, dazu kamen eine Kreditkarte und ein laufender Ratenkredit. Jede zusätzliche Prüfung würde es nur komplizierter machen. Laura hingegen arbeitete seit fünf Jahren als Buchhalterin im selben Unternehmen, fest angestellt, saubere Unterlagen. Die Bank hatte innerhalb einer Woche zugesagt.

Der Kreditvertrag trug allein ihre Unterschrift. Damit auch das gesamte Risiko.

Wie immer, wenn Unruhe in ihr aufstieg, griff sie zum Taschenrechner. Monatliche Rate: 32.000 Euro. Nebenkosten – noch schwer abzuschätzen, aber mindestens 5.000. Lebensmittel, Fahrkarten, die Kreditkartenschulden vom letzten Jahr. Die Zahlen reihten sich untereinander, nüchtern und unerbittlich.

Sie hängte den Taschenrechner mit einem Magneten an den Kühlschrank. Darauf stand in verspielten Buchstaben: „Alles wird gut.“ Ein Geschenk ihrer Mutter zum letzten Geburtstag.

Das Telefon klingelte, kaum dass sie das Notizbuch geschlossen hatte. Auf dem Display erschien: „Helena Ludwig“.

— Laura, mein Kind, guten Tag. Ich bin zufällig in eurer Gegend. Da dachte ich, ich schaue kurz vorbei und sehe mir an, wie ihr euch eingerichtet habt. Ihr seid doch schon eingezogen?

— Ja, wir wohnen jetzt hier. Kommen Sie gern vorbei, Helena Ludwig.

— In einer Viertelstunde bin ich da.

Laura ließ den Blick durch die Wohnung wandern. Kartons an der Wand, nackte Fenster, ein Stapel Kleidung auf dem Sofa, Putzstreifen auf dem Boden. Nun gut. Sie hatte keine Ausstellung eröffnet.

Exakt fünfzehn Minuten später klingelte es. Helena Ludwig stand im Türrahmen, beigefarbener Mantel, eine Einkaufstasche in der Hand, der prüfende Blick einer Kontrolleurin im Gesicht.

— Guten Tag, Laura.

— Kommen Sie herein.

Die Schwiegermutter trat ein und musterte alles aufmerksam. Ihr Blick glitt über die unausgepackten Kisten, die kahlen Fenster, die provisorische Einrichtung.

— Ganz schön beengt hier. Und nicht einmal ordentliche Gardinen. Überall stehen Sachen herum.

— Wir sind erst vor Kurzem eingezogen. Nach und nach wird alles fertig.

— Natürlich, natürlich.

In der Küche zog Helena Ludwig einen Magneten aus ihrer Tasche: ein Eisbär vor einer Hafenlandschaft, darunter der Schriftzug „Hannover“. Mit einer entschlossenen Bewegung befestigte sie ihn am Kühlschrank, schob dabei den „Alles wird gut“-Magneten ein Stück zur Seite.

— Eine Erinnerung an die Heimat. Damit ihr eure Wurzeln nicht vergesst.

Laura setzte wortlos Wasser auf.

Beim Tee kam Helena Ludwig rasch zum eigentlichen Anliegen.

— Mit meiner Marlene Schwarz läuft es einfach nicht rund. Sie wohnt mit Finn Baumann und dem kleinen Emil Schmitt in einer gemieteten Zweizimmerwohnung. Siebenundzwanzigtausend Euro Miete jeden Monat — reines Geldverbrennen! Der Junge ist drei, er braucht ein eigenes Zuhause und nicht ständig fremde Wände. Und ich sitze bei ihnen, bis mein Haus fertiggestellt wird. Erst hieß es September, jetzt sprechen sie von Dezember, vielleicht sogar vom Frühjahr. Wir treten uns gegenseitig auf die Füße.

— Das klingt wirklich schwierig, — sagte Laura vorsichtig.

— Euch hingegen ging alles so leicht von der Hand. Antrag gestellt — bewilligt. Marlene und Finn kämpfen seit einem Jahr. Auf ihm lasten Kredite — erst fürs Auto, dann noch etwas anderes. Die Banken sehen nur seine Schuldenquote und winken ab. Und allein reicht ihr Einkommen nicht.

Laura schwieg und wärmte die Hände an ihrer Tasse.

— Sie brauchen einen Bürgen. Jemanden mit sauberer Schufa und offiziellem Einkommen. Solche Leute mögen die Banken.

In diesem Moment drehte sich der Schlüssel im Schloss. Leon kam herein, steckte den Kopf in die Küche.

— Oh, Mama. Du hättest doch Bescheid sagen können.

— Muss ich jetzt einen Termin bei meinem eigenen Sohn vereinbaren?

Er küsste sie auf die Wange und setzte sich. Laura schenkte ihm Tee ein.

— Ich erzähle Laura gerade von Marlene, — fuhr Helena Ludwig fort. — Sie braucht dringend einen Bürgen. Finn akzeptiert die Bank nicht wegen seiner Kredite, und allein bekommt sie keinen Vertrag. Ihr habt euch eine Wohnung gekauft, aber an deine Schwester hast du dabei wohl nicht gedacht. Du kennst sie — stolz, verantwortungsbewusst, sie würde nie selbst bitten. Also bitte ich für sie. Wenn Laura für sie bürgen würde, wäre das eine enorme Hilfe.

— Mama, wir haben doch selbst einen Kredit am Laufen, — erwiderte Leon und hob die Hände.

— Aber zusammen verdient ihr gut. Da ist doch Spielraum.

Laura stellte ihre Tasse ab.

— Der Kredit läuft ausschließlich auf meinen Namen, Helena Ludwig. Leons Einkommen ist nicht offiziell, der Makler hat ausdrücklich geraten, ihn nicht einzutragen.

Einen Moment lang herrschte Stille. Helena Ludwig schwieg, dann richtete sie ihren Blick auf Laura — scharf, prüfend, als würde sie sie zum ersten Mal wirklich mustern.

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