„Du bist und bleibst eben ein graues Mäuschen. Eine Versagerin“ zischte er leise, nur für meine Ohren im Trubel des Klassentreffens

Sein Triumph wirkt hohl, verletzend und verächtlich.
Geschichten

Verzweiflung war damals mein ständiger Begleiter. Nächtelang lag ich wach und weinte, während ich tagsüber bis zur Erschöpfung arbeitete. Ich übernahm Extraschichten, belegte Kurse am Abend und schrieb mich schließlich für ein weiteres Studium ein. Aufgeben war keine Option.

Was Markus Fuchs nicht wusste: Mein scheinbar schlichtes Kleid war teurer als sein grell schimmerndes Sakko. Er ahnte auch nicht, dass ich längst nicht mehr die einfache Sachbearbeiterin im Kundenservice war, für die er mich hielt. Und vor allem hatte er keine Vorstellung davon, welche Position ich inzwischen tatsächlich innehatte.

„Und, Johanna“, begann er spöttisch und ließ seinen Autoschlüssel lässig um den Finger kreisen, „sitzt du immer noch im Callcenter deiner Bank und drehst Senioren irgendwelche Kredite an?“

„Ich arbeite bei einer Bank, ja“, erwiderte ich ruhig, ohne mich auf Details einzulassen.

„Tja, Sicherheit ist eben was für Leute ohne Fantasie“, dozierte er gönnerhaft, winkte demonstrativ nach dem Kellner und rief laut: „Die Rechnung geht auf mich! Für alle!“

Jubel brandete auf. Während die anderen begeistert klatschten, zog ich unauffällig mein Handy hervor und tippte eine kurze Nachricht. Mir war klar geworden, dass ich hier nichts mehr zu suchen hatte. Aus nostalgischen Gründen war ich gekommen, in der Hoffnung auf alte Freundschaften. Stattdessen bekam ich eine Ein-Mann-Show geboten.

„Ihr Lieben, ich verabschiede mich“, sagte ich und erhob mich, strich den Stoff meines Kleides glatt. „Morgen wartet ein voller Tag auf mich.“

„Was ist los? Fährt gleich der letzte Bus?“ Markus gab keine Ruhe und sprang ebenfalls auf. Publikum war für ihn wie Applaus für einen Schauspieler. „Kommt, wir gehen alle noch vor die Tür. Eine rauchen – und Johanna bringen wir gleich mit weg!“

Die angeheiterte Gesellschaft folgte ihm kichernd Richtung Ausgang. In der Garderobe streifte ich mein leichtes Kaschmirmantel über. Neben mir zog Markus seine Jacke an und setzte seine Sticheleien fort.

„Ganz ehrlich, Johanna, fast tut’s mir leid“, säuselte er mit gespieltem Mitgefühl, als wir durch das Foyer gingen. „Die besten Jahre am Schreibtisch vergeudet. Kein Ehemann, kein Vermögen, nicht mal ein vernünftiges Auto. Soll ich dir ein Taxi bestellen? Natürlich Economy. Geht auf mich – man gönnt sich ja sonst nichts.“

Hinter ihm kicherte Christina Köhler schrill.

Draußen empfing uns die kühle Abendluft. Die breite Freitreppe vor dem Restaurant lag im Schein der Laternen. Markus spielte weiter mit seinem glänzenden Schlüsselanhänger und warf bedeutungsvolle Blicke zum Parkplatz, als warte er auf Applaus.

In diesem Moment glitt lautlos ein gewaltiger Wagen um die Ecke. Tiefschwarz lackiert, spiegelte er das Licht der Straßenlampen. Der schwere Luxus-Sedan näherte sich mit ruhiger Eleganz dem Eingangsbereich und rollte direkt auf uns zu.

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