— Na, Johanna, zählst du noch immer jeden Cent vom einen Monatsende bis zum nächsten? — Markus Fuchs beugte sich über den Tisch zu mir herüber. Eine Mischung aus starkem Alkohol und schwerem Luxusparfüm schlug mir entgegen. — Du bist und bleibst eben ein graues Mäuschen. Eine Versagerin.
Das letzte Wort zischte er so leise, dass es im Lärm des Restaurants unterging und nur für meine Ohren bestimmt war. Um uns herum dröhnte Musik, Gläser klirrten, Gelächter brandete auf. Unsere ehemaligen Mitschüler feierten zwanzig Jahre seit dem Schulabschluss, prosteten sich zu und bemerkten nicht, was sich an unserem Ende der langen Tafel abspielte.
Ich erwiderte seinen Blick gelassen. Fünf schwere Jahre hatte ich einst mit diesem Mann verbracht. Markus war breiter geworden, sein Gesicht wirkte satt und selbstgefällig, an seinem Handgelenk funkelte eine protzige Uhr. Mit jeder Geste versuchte er zu demonstrieren, dass er es „geschafft“ hatte.
— Spar dir die Mühe, mich zu provozieren, Markus, — entgegnete ich ruhig und schob mein halbvolles Glas Mineralwasser beiseite. — Wir haben längst nichts mehr miteinander zu tun. Deine Urteile interessieren mich nicht.
— Urteile? Ich rede von Tatsachen! — Er lehnte sich demonstrativ zurück und hob die Stimme, sodass nun auch die Sitznachbarn jedes Wort verstehen konnten. — Wenn ich dich so ansehe, könnte ich glatt Mitleid bekommen. Ein schlichtes Kleid, kein Schmuck. Dabei habe ich dir doch damals gesagt: Bleib bei mir, dann schwimmst du im Gold! Aber nein, Madame war ja zu stolz.

Christina Köhler, die unangefochtene Klatschkönigin unserer Klasse, rückte sofort näher.
— Ach, Markus, hast du es wirklich so weit gebracht? — fragte sie mit übertriebener Bewunderung.
— Und wie! Eigene Firma, Baustoffhandel. Vor einem halben Jahr habe ich mir einen Neuwagen gegönnt, direkt vom Händler, — verkündete er grinsend, zog einen schweren schwarzen Autoschlüssel aus der Jackentasche und ließ ihn lässig auf die Tischdecke fallen. — Schwarze Limousine, Vollausstattung, Ledersitze, alles vom Feinsten. Kostet so viel wie drei Wohnungen bei uns im Viertel.
Christina schnappte hörbar nach Luft. Auch einige andere warfen respektvolle Blicke auf das glänzende Emblem am Schlüssel. Markus sog die Aufmerksamkeit begierig auf. Er brauchte diese Bewunderung wie Sauerstoff — und noch mehr genoss er es, mich vor Publikum herabzusetzen, um seinen vermeintlichen Triumph größer wirken zu lassen.
Vor Jahren hatte er mich verlassen und dabei unsere gesamten Ersparnisse mitgenommen. Ich würde ihn nur bremsen, hatte er behauptet, mit mir könne er niemals erfolgreich werden. Zurück blieb ich allein in einer leeren Mietwohnung, zwischen unbezahlten Rechnungen und einem Berg von Schulden.
