„„Lukas, wo sind meine Kleider?“ — fragte Laura mit erschreckender Ruhe, während der Schrank klinisch leer blieb und er entspannt am Tisch saß“

Diese verlogene Gleichgültigkeit wirkt erschreckend verletzend.
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— Lukas, wo sind meine Kleider? — Laura Hoffmann blieb im Türrahmen des Schlafzimmers stehen und umklammerte den kühlen Griff des Einbauschranks so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Ihre Stimme jedoch war erschreckend ruhig — zu ruhig für jemanden, der gerade begriffen hatte, dass man sein Leben halbiert hatte, ohne ihn zu fragen.

Im Schrank herrschte Leere. Dort, wo am Morgen noch dicht an dicht Seidenblusen, maßgeschneiderte Röcke und das rote Kleid mit dem tiefen Rückenausschnitt gehangen hatten, klaffte nun ein sauberer, beinahe klinischer Hohlraum. Vereinzelte Kunststoffbügel stießen leise aneinander. Auf den Regalbrettern lagen nur noch graue Rollkragenpullover, zwei ausgeleierte Strickteile für den Garten und alte Jeans, die sie seit Jahren nicht mehr angerührt hatte. Alles, was Farbe, Schnitt und Selbstbewusstsein ausstrahlte, war verschwunden. Als hätte jemand mit chirurgischer Präzision ein Stück Wirklichkeit herausgeschnitten.

— Lukas! — Ihre Stimme wurde lauter, während sich in ihrer Brust eine enge Spirale aus Unverständnis zusammenzog.

Aus der Küche klirrte Besteck gegen Porzellan, begleitet von gedämpftem Kauen. Laura schob die Schranktür langsam zu. Im Spiegel sah sie ihr eigenes Gesicht: blass, die Pupillen geweitet. Sie ging den Flur entlang und hatte das seltsame Gefühl, als betrete sie eine fremde Wohnung. Die Luft war stickig, nicht mehr die ihre.

Lukas Schneider saß am Tisch, über einen Teller mit Buchweizen und Frikadellen gebeugt. Er trug sein altes T‑Shirt, wirkte entspannt, beinahe behaglich. Der Fernseher murmelte Nachrichten. Ein gewöhnlicher Dienstagabend — so gewöhnlich, dass der Verlust ihres halben Kleiderschranks wie eine Einbildung erscheinen konnte.

— Hörst du mir überhaupt zu? — Laura stellte sich ihm gegenüber und stützte die Hände auf die Lehne eines freien Stuhls. — Ich frage dich: Wo sind meine Sachen? Der Schrank ist leer.

Er kaute in Ruhe zu Ende, nahm einen Schluck Tee und sah sie erst dann an. In seinem Blick lag weder Reue noch Verlegenheit, sondern eine gönnerhafte Müdigkeit, wie sie Erwachsene zeigen, wenn sie einem Kind etwas Offensichtliches erklären.

— Leer ist übertrieben, findest du nicht? — Er nickte Richtung Flur. — Das Nötigste ist doch noch da. Den Rest haben wir… sagen wir, etwas gestrafft.

— Wir? — Das Wort schnitt ihr ins Ohr wie Glas. — Wer genau ist „wir“?

— Meine Mutter war heute hier, — erwiderte er beiläufig und spießte ein Stück Frikadelle auf. — Brigitte Schneider hat ein Auge für Ordnung. Du hast dich doch ständig beschwert, dass der Schrank überquillt und alles einstaubt. Sie wollte dir helfen und hat gründlich aussortiert.

Laura spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Brigitte Schneider. Die Schwiegermutter mit dem Ersatzschlüssel „für Notfälle“. Dass diese ihren Stil missbilligte und ihn als „unangemessen“ bezeichnete, war ihr nie entgangen. Doch von spitzen Bemerkungen zu solch einer Grenzüberschreitung — das überstieg jedes Maß.

— Moment mal, — sagte Laura langsam und zwang sich, ruhig zu atmen. — Deine Mutter kommt in meine Wohnung, während ich arbeite, öffnet meinen Schrank und nimmt meine Kleidung mit? Wohin denn? In Kartons verpackt? Auf den Dachboden gestellt?

Lukas verzog das Gesicht, als hätte sie Unsinn geredet.

— Warum sollte man Dinge aufbewahren, für die man sich schämen muss? — Er legte die Gabel weg und verschränkte die Arme. — Laura, bitte kein Drama. Meine Mutter ist seit dreißig Jahren Lehrerin, sie hat Stilgefühl. Sie hat sich deinen… Bestand angesehen und war entsetzt. Kunstfasern, grelle Farben, Röcke, die kaum etwas bedecken. So kleidet sich keine verheiratete Frau. Das ist eher die Garderobe einer Frau auf Männerfang.

Laura starrte ihn an, als säße ein Fremder vor ihr. War das derselbe Mann, der ihr vor wenigen Wochen selbst einen Spitzenbody ausgesucht hatte? Der sich auf Firmenfeiern geschmeichelt fühlte, wenn Kollegen ihr nachsahen? Jetzt sprach er mit einer Stimme, die nicht seine war. Die Verachtung in seinem Tonfall, das unausgesprochene Wort „billig“ — es war Brigitte, die aus seinem Mund redete.

— Also habt ihr alles weggeworfen? — Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern. — Meine Kleidung. Von meinem Geld bezahlt.

— Übertreib nicht, — winkte er ab. — Niemand hat es direkt in die Müllpresse geworfen. Meine Mutter hat den Kram ordentlich in Säcke gepackt und zu den Containern gebracht. Irgendwer wird sich schon bedienen. Wichtig ist doch: Jetzt herrscht hier eine andere Atmosphäre. Kein… anstößiger Einfluss mehr.

— Zu den Containern… — wiederholte sie tonlos. Vor ihrem inneren Auge sah sie den italienischen Wollblazer, den sie sich von ihrer ersten großen Prämie geleistet hatte, zwischen Kartoffelschalen liegen. Das Etuikleid, in dem sie ihr Diplom entgegengenommen hatte, bedeckt von Zigarettenstummeln.

— Warum klammerst du dich so an Fetzen Stoff? — Lukas’ Gelassenheit bekam Risse. — Man hat dir einen Gefallen getan. Und das kostenlos. Meine Mutter hat einen halben Tag geopfert, hat jede einzelne Kleiderstange durchgesehen. Das Tragbare behalten, den Rest entsorgt. Gute Pullover sind noch da, solide Jeans ebenfalls. Du solltest dankbar sein, dass man dich vor Blamagen bewahrt.

Laura ließ die Stuhllehne los. Ihre Hände zitterten nicht. Stattdessen breitete sich eine klare, eisige Ruhe in ihr aus — wie unmittelbar vor dem Sprung ins kalte Wasser. Es ging nicht um Stoff oder Nähte. Es ging darum, dass man sie ausradiert hatte. Ihren Geschmack, ihre Entscheidungen, ihr Recht, selbst zu bestimmen. Zerknüllt und weggeworfen wie Abfall. Und nicht von einem Einbrecher, sondern von dem Mann, der neben ihr schlief.

— Warst du hier? — fragte sie ruhig. — Während sie das getan hat?

Er wich ihrem Blick aus. Zum ersten Mal.

— Ich habe im Arbeitszimmer im Homeoffice gesessen.

— Hör auf, — unterbrach sie ihn scharf. — Du konntest das Klappern der Bügel nicht überhören. Du hast gesehen, wie sie die schwarzen Müllsäcke gefüllt hat. Hundertzwanzig Liter, diese großen für Bauschutt. Du hast ihr die Tür aufgehalten. Du hast mit angefasst, als sie sie zum Aufzug trug.

Er schwieg. Auf seinem Hals bildeten sich rote Flecken.

— Ja, ich habe geholfen! — fuhr er plötzlich auf und schlug mit der Hand auf den Tisch, sodass der Teller bebte. — Ich habe meiner Mutter dabei geholfen, Müll aus unserem Zuhause zu bringen! Weil ich es leid bin! Leid, dass Männer dich auf der Straße anstarren. Leid, dass meine Mutter nach jedem Besuch Herztabletten braucht, weil sie sieht, wie du herumläufst. Sie hat recht, Laura. Es wird Zeit, erwachsen zu werden. Dich deinem Status entsprechend zu kleiden, als Ehefrau — und nicht wie…

Er beendete den Satz nicht. Das unausgesprochene Wort hing schwer im Raum.

— Dem Status der Ehefrau eines Muttersöhnchens entsprechend? — fragte Laura mit frostiger Klarheit.

Ohne seine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und ging zurück ins Schlafzimmer. Sie musste es noch einmal sehen, um es zu begreifen. Als sie die Schranktür erneut aufzog, schlug ihr kein Hauch von Lavendel mehr entgegen. Die Duftsäckchen, die sie zwischen die Kleider gehängt hatte, waren fort. Stattdessen roch es nach Reinigungsmittel. Offenbar hatte Brigitte Schneider sogar die Regalböden desinfiziert — als müsse man die Spuren der Schwiegertochter auslöschen.

Ganz unten im Schrank lag ein einzelner, wie durch ein Wunder übersehener Gürtel von ihrem Morgenmantel. Daneben schimmerte etwas Dunkles im Halbschatten, als hätte es sich dem Zugriff entzogen und warte nun darauf, entdeckt zu werden.

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