…„bitte“, endete der Satz, „kümmert euch um sie.“
„Er ist zurückgekommen.“
Diese Worte ließen Raum für nur eine Frage: Wer?
Im Kreis der Angehörigen setzte sich rasch eine Vermutung fest. Kurz vor seinem Verschwinden hatte Andreas Winter einen heftigen Streit mit seinem früheren Expeditionspartner Lukas Brandt gehabt. Brandt hatte ihm öffentlich vorgeworfen, gemeinsames Fotomaterial unterschlagen zu haben. Die Trennung der beiden war laut, verletzend und für alle sichtbar verlaufen.
Als die Ermittlungen voranschritten, kam ein weiteres Detail ans Licht: Lukas Brandt hatte sich ausgerechnet in jener Woche in den Pyrenäen aufgehalten, in der Andreas verschwand – ein Umstand, den er bis dahin verschwiegen hatte.
Parallel dazu machten die Suchmannschaften eine entscheidende Entdeckung. Am oberen Ende der Felsspalte fanden sie einen schmalen Ausgang, der in ein abgelegenes Waldgebiet führte. Unter einer dichten Schicht aus Laub lag ein provisorisches, längst verlassenes Lager: eine ausgebrannte Feuerstelle, ein stark verrostetes Messer, zerdrückte Verpackungen von Proviant.
Doch zwischen diesen Überresten lag etwas, das allen den Atem nahm. Ein kleiner Schuh.
Der Schuh von Mira Hoffmann.
Daneben Stofffetzen, die eindeutig zu ihrer Kleidung gehörten. Keine Knochen. Kein Blut. Kein Hinweis auf einen Tod an diesem Ort. Mira war hier nicht gestorben.
„Das stellt alles auf den Kopf“, sagte Thomas Engel leise. „Sie haben es nach draußen geschafft. Entweder mit Hilfe – oder unter Zwang.“
Befragungen ergaben schließlich, dass mehrere Hirten Lukas Brandt tatsächlich in dieser Gegend gesehen hatten. Ein mögliches Szenario zeichnete sich ab: Nach dem Unfall könnte er auf Andreas und Mira gestoßen sein, der alte Konflikt eskalierte, Worte wurden zu Handlungen. Irgendwann wurden die Erwachsenen getrennt – und das Kind blieb schutzlos, verängstigt, allein zurück.
Brandt wurde festgenommen, wies jedoch jede Schuld von sich. Er behauptete, helfen zu wollen, sei kurz weggegangen und habe bei seiner Rückkehr niemanden mehr vorgefunden.
Doch die quälendste Frage blieb unbeantwortet:
Wo ist Mira Hoffmann?
Wochenlang durchkämmten Rettungsteams die Berge. Es tauchten einzelne Spuren auf, widersprüchlich und bruchstückhaft, doch niemals ein Körper. Inzwischen gehen die Behörden davon aus, dass Mira entweder von jemandem aus einem abgelegenen Dorf aufgenommen wurde – oder verzweifelt versucht hat, allein einen sicheren Ort zu erreichen.
Fünf Jahre sind vergangen. Die Akte ist noch immer offen.
Der Berg hat vieles preisgegeben.
Nur das Wichtigste nicht.
Mira Hoffmann könnte noch leben.
