«Sie muss bleiben …» — liest Thomas Engel fassungslos aus Andreas’ zerknittertem Notizbuch

Erschütternd, wie Hoffnung und Geheimnis ineinanderfließen.
Geschichten

Vereinzelte Stichworte ließen sich noch entziffern: „allein“, „warte“, „verletzt“, „wir hören Stimmen“. Die Schrift wirkte eindeutig wie die von Andreas Winter.

Eine Passage ließ den gesamten Trupp erstarren:

„Ich kann mich nicht bewegen.

Sie muss bleiben …“

Der Eintrag brach abrupt ab.

„Andreas war verletzt“, stellte Thomas Engel leise fest. „Und Mira … sie lebte zu diesem Zeitpunkt noch.“

Doch weder von ihm noch von ihr fand sich eine Spur. Kein Körper, keine Kleidung, nichts.

Noch verstörender war ein anderes Detail: Jemand hatte die Zeit gezählt. In die Felswand waren drei senkrechte Kerben geritzt, immer wieder, Reihe um Reihe. Mindestens dreißig Markierungen. Rund ein Monat Gefangenschaft im Berg.

Mit wachsender Anspannung dehnten die Einsatzkräfte die Suche aus. Dann tauchte ein Hinweis auf, der alles veränderte: Ein modernes Seil, sauber fixiert, eindeutig neueren Datums. Es gehörte weder zu Andreas’ Ausrüstung noch zu den Rettungsteams.

„Hier war noch jemand“, murmelte Engel und ließ den Blick über das schweigende Gestein wandern. Der Berg gab keine Antwort.

Bis zum nächsten Tag.

Der dritte Tag brachte die Wende. Hoch oberhalb der Höhle, in einem steilen, fast senkrechten Kamin, entdeckten die Retter schwache Fußspuren – frisch, kaum verwittert. Zu neu, um von vor fünf Jahren zu stammen. Und zu leicht, um von einem Erwachsenen zu sein.

Stunden später fanden sie unter losem Geröll einen kleinen Anhänger in Sternform. Miras Lieblingsstück. Sie hatte ihn nie abgelegt.

Dann folgte die Entdeckung, die das gesamte Gebiet in lähmendes Schweigen hüllte. Auf einer schmalen Felsplattform, verborgen unter trockenem Gestrüpp, lag ein metallener Erste-Hilfe-Kasten, angerostet, aber bewusst platziert.

Darin: Verbände, Reste von Medikamenten – und ein sorgfältig gefalteter Zettel in Plastik.

Thomas Engel öffnete ihn. Die zittrige Handschrift war unverkennbar die von Andreas Winter:

„Wenn das jemand findet, helft ihr bitte. Sie trägt keine Schuld. Er ist zurückgekommen, aber er war nicht mehr derselbe. Wir konnten nicht absteigen. Wir haben gerufen …“

Engel senkte den Zettel, wissend, dass diese Worte erst der Anfang einer Wahrheit waren, die sich nun unaufhaltsam weiter entfaltete.

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