«Sie muss bleiben …» — liest Thomas Engel fassungslos aus Andreas’ zerknittertem Notizbuch

Erschütternd, wie Hoffnung und Geheimnis ineinanderfließen.
Geschichten

Doch der Berg zeigte keinerlei Bereitschaft, Antworten preiszugeben. Die Felsspalte maß kaum einen halben Meter in der Breite, schnitt wie ein dunkler Riss tief in das Gestein und zog sich zugleich mehrere Meter nach oben, als wolle sie alles verschlucken, was sich ihr näherte.

Einige aus dem Team vermuteten, Andreas Winter habe in der Nähe einen Abstieg gewagt – auf der Suche nach Schutz oder einer vermeintlichen Abkürzung – und dabei sich selbst und Mira Hoffmann in eine tödliche Falle manövriert. Doch Thomas Engel stieß rasch auf Details, die nicht zusammenpassten.

Der Rucksack wies erstaunlich wenige Beschädigungen auf. Und die Karte enthielt frische Markierungen mit Bleistift, die auf keiner der Originalkopien aus der Untersuchung von 2020 verzeichnet gewesen waren.

„Das ergibt keinen Sinn“, murmelte Engel. „Wenn Andreas das hier erst eingezeichnet hat, nachdem sie sich verirrt hatten … warum dann überhaupt?“

Die neu aufgerollten Ermittlungen entwickelten sich innerhalb weniger Stunden zu einem undurchdringlichen Geflecht aus Spuren und Fragen. Am folgenden Morgen, als das Team tiefer in die Spalte vordrang, stießen sie auf einen Fund, der dem gesamten Fall eine neue Richtung gab.

Im ersten Licht des Tages begannen die Bergretter mit dem Abseilen. Die Spalte verschluckte Seile und Lampenkegel gleichermaßen. Acht Meter unterhalb des Einstiegs entdeckten sie ein Stück roten Stoff: ein Fragment von Andreas Winters Jacke. Es war nicht durch einen Sturz beschädigt, sondern sauber abgerissen – fast so, als hätte jemand es bewusst zurückgelassen.

„Er hat Zeichen gesetzt“, stellte Engel fest. „Er wollte gefunden werden.“

Nur wenige Meter darunter folgte die nächste Irritation: eine metallene Lebensmittelverpackung mit einem Haltbarkeitsdatum, das zwei Jahre nach dem Verschwinden lag.

„Konnte hier jemand so lange überleben?“, flüsterte ein Techniker ungläubig.

„Oder jemand hat Andreas und Mira gefunden“, entgegnete Engel ruhig. „Und darüber geschwiegen.“

Kurz darauf weitete sich der schmale Riss zu einer unregelmäßigen Kammer. Unter Staub und Geröll kamen die Überreste eines notdürftigen Lagers zum Vorschein: eine Thermodecke, eine leere Dose, ausgefranste Seilstücke – und in einer feuchten Ecke ein weiteres Notizbuch.

Viele Seiten waren unlesbar geworden, doch einzelne Worte hatten der Nässe getrotzt. Gleich zu Beginn ließ eine Zeile alle verstummen: „Ich kann mich nicht mehr…“

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber