«Sie muss bleiben …» — liest Thomas Engel fassungslos aus Andreas’ zerknittertem Notizbuch

Erschütternd, wie Hoffnung und Geheimnis ineinanderfließen.
Geschichten

Fünf Jahre nach dem Verschwinden von Andreas Winter und seiner neunjährigen Tochter Mira Hoffmann wirkten die Berge, als hätten sie beide für immer verschluckt.

Im Jahr 2020 beherrschte ihr Schicksal wochenlang die Schlagzeilen. Was als kurze, harmlose Wanderung in den französischen Pyrenäen geplant gewesen war, endete abrupt in beklemmender Stille. Mit jedem weiteren Monat ohne Hinweise, ohne Sichtungen und ohne den kleinsten greifbaren Beweis ebbte die offizielle Suche langsam ab, bis sie schließlich stillschweigend eingestellt wurde.

Innerhalb der Familie hielt sich dennoch eine fragile Hoffnung: Vielleicht – nur vielleicht – hatte Andreas bewusst alles hinter sich gelassen, um irgendwo fernab ein neues Leben zu beginnen. Andere flüsterten jedoch eine düsterere, plausiblere Erklärung: ein unbemerkter Absturz an einer abgelegenen, kaum zugänglichen Stelle des Gebirgsmassivs.

Jahre vergingen, ohne dass sich etwas veränderte.

Bis Ende August ein Paar aus Katalonien einen selten begangenen Pfad nahe der Rolandspalte erkundete und etwas entdeckte, das die monotone Grauheit des Felsens durchbrach. Der Mann kniete sich hin, richtete das Licht seines Handys in eine schmale Felsspalte – und erstarrte.

„…Das ist ein Rucksack“, murmelte er und wagte kaum, ihn zu berühren.

Seine Begleiterin wischte vorsichtig den Staub von einem verblichenen Namensschild. In dem Moment, in dem sie den Schriftzug entzifferte, zog sich beiden der Magen zusammen.

Andreas Winter.

Der Fund löste sofort eine Kettenreaktion aus. Fotos gingen an die Gendarmerie, und nur wenige Stunden später setzte ein Hubschrauber ein spezialisiertes Rettungsteam vor Ort ab. Thomas Engel, der bereits fünf Jahre zuvor an der Suche nach Andreas und Mira beteiligt gewesen war, öffnete den Rucksack mit behandschuhten Händen.

Darin lagen eine eingedrückte Trinkflasche, Reste von Proviant, eine zerknitterte Karte – und etwas, das ihm augenblicklich einen Schauer über den Rücken jagte: Miras blaues Notizbuch, landesweit bekannt aus der damaligen Untersuchung.

Die Medienlawine rollte erneut an, Reporter belagerten die Zufahrtswege, und die Familie sammelte sich im Stillen, während sie sich innerlich auf Nachrichten vorbereitete, deren Bedeutung noch niemand auszusprechen wagte.

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