„Mila, Mama hat schon recht“ sagte er zwischen zwei Bissen und ließ Mila fassungslos zurück

Herablassende Fürsorge verletzt mehr als fehlendes Verständnis.
Geschichten

Mila Winter stand mitten in der kleinen Küche und beobachtete, wie ihr Mann Andreas Albrecht sich genüsslich ein saftiges Stück Schweinekotelett abschnitt. Der Duft von gebratenem Fleisch hing schwer in der Luft. Im achten Monat schwanger, mit ständig sinkendem Eisenwert, krampfte sich ihr Magen vor Verlangen zusammen. Seit drei Monaten schon mahnte ihre Ärztin: Eisenpräparate, Rindfleisch, Leber, Granatapfel – unbedingt mehr Eiweiß.

Vorsichtig streckte Mila die Gabel in Richtung der großen Servierplatte.

„Äh-äh, Liebes, wohin denn?“

Eine schmale, aber erstaunlich feste Hand packte ihr Handgelenk.

Helena Schubert musterte ihre Schwiegertochter über den Rand ihrer Brille hinweg mit einem süßlichen Lächeln, das eher wie feines Schleifpapier wirkte.

„Das ist nichts für dich, Mila. Viel zu fett, viel zu schwer. Du hast doch jetzt schon Wassereinlagerungen – schau dir deine Beine an, keine Knöchel mehr zu sehen! Und was hat die Ärztin gesagt? Diät!“

Mit bestimmter Geste schob sie Mila einen anderen Teller hin. Darauf lag – blass und trostlos – gekochte Zucchini.

„Iss das. Vitamine, Ballaststoffe. Gut fürs Baby.“

„Helena Schubert, ich brauche Eiweiß. Ich bin ständig hungrig. Von Zucchini werde ich nicht satt.“

„Hunger bringt niemanden um“, erwiderte die Schwiegermutter kühl und legte sich selbst noch ein zweites Stück Fleisch auf. „Ich habe zwei Kinder ausgetragen und mich von Kartoffeln ernährt. Und? Kräftige Jungs sind es geworden. Ihr jungen Frauen denkt nur noch an euren Bauch. Andreas, sag du doch auch mal was!“

Mila wandte sich an ihren Mann – ihren Andreas, ihre vermeintliche Stütze. Der Abteilungsleiter, der gern davon sprach, dass der Mann das Oberhaupt der Familie sei.

„Mila, Mama hat schon recht“, meinte er zwischen zwei Bissen. „Du bist total angeschwollen, das Gehen fällt dir schwer. Das ist nicht gut fürs Kind. Iss lieber Gemüse, das ist gesünder für euch beide.“

In diesem Moment trat ihr Baby kräftig gegen ihre Rippen, als wolle es protestieren: Ernsthaft, Papa?

Sie sah zu, wie die beiden das Fleisch verzehrten – bezahlt vom gemeinsamen Konto – während sie, die das Kind dieses selbsternannten Familienoberhaupts unter dem Herzen trug, an geschmackloser Zucchini kaute.

An diesem Abend weinte Mila nicht. Sie aß schweigend auf, doch tief in ihr, dort, wo einmal grenzenlose Liebe gewesen war, bildete sich ein kleiner, eiskalter Kristall.

Sie lebten in einer gemieteten Zwei-Zimmer-Wohnung, die Miete teilten sie sich. Mila war Musiklehrerin, arbeitete bis zum Mutterschutz unermüdlich: Unterricht in der Schule, Privatstunden am Nachmittag, Auftritte bei Veranstaltungen. Sie wusste, wie hart Geld verdient wurde. Und sie hatte ein Ziel – ihre „Heilige Reserve“.

Mila hatte panische Angst vor Schmerzen und vor grobem Personal. Die Geschichten von Freundinnen über überfüllte Kreißsäle, über genervte Hebammen, die schrien: „Nicht brüllen, das Beinspreizen hat doch auch nicht wehgetan!“, ließen ihr das Blut in den Adern gefrieren. Deshalb sparte sie für einen Geburtsvertrag: Einzelzimmer, Epiduralanästhesie, ein Arzt, der ihre Hand hielt statt sie anzufahren.

Das Geld lag in einer Schatulle ganz oben im Schrank – ihre Versicherung gegen Erniedrigung. Drei Wochen vor dem errechneten Termin sprach sie Andreas an.

„Wir müssen den Vertrag abschließen. Ich habe 6.000 Euro zurückgelegt. Leg bitte noch 1.000 dazu für Taxi, Kliniktasche und die restlichen Kosten.“

Andreas saß am Computer und spielte ein Onlinespiel. Beim Wort „Geld“ reagierte er zwar, drehte sich jedoch nicht um.

„Mila… da gibt’s ein Problem.“

„Was für ein Problem?“

„Das Geld ist weg.“

„Wie bitte?“ Ihre Stimme zitterte. „Du hast letzte Woche eine Prämie bekommen. Und meine 6.000 Euro lagen im Umschlag im Schrank!“

Nun wandte er sich endlich zu ihr.

„Meine Mutter braucht dringend Zahnersatz. Die Brücke ist komplett kaputt, sie kann kaum noch kauen. Sie hat Schmerzen. Ich habe ihr alles gegeben.“

Für einen Augenblick schwankte die Welt.

„Du hast mein Geld, das für die Geburt gedacht war… für die Zähne deiner Mutter ausgegeben?“ Ihre Stimme war kaum hörbar. „Und ich? Soll ich auf dem Flur entbinden?“

In der Küchentür erschien Helena Schubert, ein Geschirrtuch in der Hand, die Miene kampfbereit. Man sah ihr an, dass sie jedes Wort mitgehört hatte – und dass sie keines davon unbeantwortet lassen würde.

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