— Welchen angeblichen Schuldbetrag fordert deine Mutter eigentlich von mir? Ich habe mir von ihr keinen Cent geliehen! — Antonia Becker ließ ein aus einem Heft gerissenes Blatt mit dumpfem Knall auf die Tischplatte fallen. — Christian, erklär mir bitte, woher plötzlich diese Summe von zweihundertvierzigtausend Euro kommt. Haben wir bei ihr etwa einen Kredit aufgenommen?
Christian Weiß saß ihr gegenüber und wirkte ertappt, fast wie ein Teenager, den man mit einer Zigarette hinter der Turnhalle erwischt hat. Seine Schultern hingen herab, und mit fahrigen Bewegungen strich er immer wieder über die Kante der Serviette.
— Toni, geh bitte nicht sofort in Angriffsstellung. Meine Mutter meint einfach, die Zeiten seien härter geworden. Du siehst doch selbst, wie teuer alles geworden ist. Sie wollte die komplette Elektrik erneuern lassen, und der Kostenvoranschlag der Handwerker hat ihr fast den Atem geraubt. Es fehlt ihr an Geld. Also kam sie auf die Idee… eine Art familiäre Abrechnung aufzustellen.
— Abrechnung? — Antonia hob das Blatt an, als könne es ansteckend sein. — Dann schauen wir uns dieses „Finanzkonzept“ doch einmal an. Erster Punkt: „Importierter Kinderwagen, Geschenk — 45.000. Mit Inflationsausgleich und Wertminderung: 60.000.“ Christian, sie hat uns den Wagen zur Geburt von Ben Huber überreicht! Mit Luftballons und einem Trinkspruch auf das Enkelkind!
— Laut ihrer Darstellung war das eine Investition in unser Wohlbefinden. Und jetzt, sagt sie, brauche sie selbst eine Rendite. Hilfe funktioniere wie ein Kreislauf.

— Und hier geht es weiter, — Antonia tippte mit dem Fingernagel auf die Mitte der Liste. — „Babysitten an Wochenenden. Stundensatz 500 Euro. Summe für zwei Jahre…“ Meint sie das ernst? Sie stellt uns eine Rechnung dafür, dass sie mit ihrem eigenen Enkel Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt hat?
— Sie argumentiert, das sei ihre Freizeit gewesen, die sie auch gewinnbringend hätte nutzen können. Zum Beispiel mit Strickaufträgen. So denkt sie eben — alles hat für sie einen Marktwert.
In diesem Moment klickte trocken der Schlüssel im Wohnungsschloss. Theresa Vogel besaß einen eigenen, „für Notfälle“, wie sie stets betonte — auch wenn es in dieser Familie bislang eher emotionale Brände als echte Katastrophen gegeben hatte.
Ohne anzuklopfen betrat sie die Küche, die neue Ledertasche demonstrativ vor sich tragend wie ein Schutzschild. Ihr Blick fiel sofort auf das Papier auf dem Tisch. Zufrieden nickte sie, ohne sich mit Begrüßungen aufzuhalten.
— Wie ich sehe, habt ihr die Aufstellung bereits geprüft. Sollen wir erst Tee trinken oder kommen wir direkt zur Sache?
