Ein offenes Gefecht hatte er stets zu vermeiden versucht. Doch diesmal würde es ihm nicht gelingen, sich stumm in eine Ecke zu verkriechen und abzuwarten, bis der Sturm vorüberzog.
Zwanzig Minuten verrannen so lautlos wie Eiswürfel in einem Glas mit lauwarmem Wodka. Niemand erhob sich, niemand machte Anstalten zu gehen. Im Gegenteil – die Runde schien neuen Schwung zu bekommen. Oskar Schmitt, hochrot im Gesicht und schweißnass, hantierte unbeholfen an einer alten Gitarre herum, der eine Saite fehlte, und behauptete trotzdem, sie stimmen zu können. Marlene Albrecht warf den Kopf in den Nacken, lachte schrill und schlug die Beine übereinander, als wäre sie auf einer Bühne, nicht auf einer zugemüllten Veranda.
Niklas Neumann blieb. Er hockte neben seiner Mutter, den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen, und stocherte verbissen in einer schrumpeligen Gurkenscheibe auf seinem Teller. Seine Entscheidung war gefallen – oder vielmehr seine Nicht-Entscheidung. Er setzte darauf, dass sich alles von selbst beruhigen würde, wie ein Bluterguss, der mit der Zeit verblasst. Andrea König bemerkte, dass ihre Schwiegertochter noch immer im Sessel saß, und ein zufriedenes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Triumphierend hob sie ihr Glas.
„Na also!“, rief sie mit schwerer Zunge. „Hat sich wieder eingekriegt. Frauen sind wie das Aprilwetter – erst Gewitter, dann Sonnenschein. Niklas, schenk deiner Frau ein! Sitz hier nicht rum wie angewurzelt. Wir trinken darauf, dass der Verstand gesiegt hat!“
Lena erhob sich langsam. Keine Träne glänzte in ihren Augen, kein Zittern lief durch ihre Lippen. In ihr herrschte diese eigentümliche, kalte Leere, die nach einer Amputation einsetzt – wenn der Schmerz noch fern ist, aber der Verlust endgültig. Sie griff nach ihrer Handtasche, kontrollierte ihr Handy, die Autoschlüssel. Jede Bewegung war ruhig, präzise, beinahe klinisch.
„Der Verstand hat tatsächlich gewonnen, Andrea König“, sagte sie ruhig, als spräche sie über einen Einkaufszettel. „Nur feiern Sie zu früh.“
Sie trat vor Niklas. Er sah zu ihr auf, der Blick verschwommen, darin eine Mischung aus Hoffnung und nackter Angst. Noch immer glaubte er, sie würde sich gleich neben ihn setzen, einen Plastikbecher nehmen und so tun, als gehöre sie dazu.
„Die Wohnungsschlüssel“, forderte sie und streckte die Hand aus.
„Wie bitte?“ Er blinzelte verständnislos. Die Gabel entglitt seinen Fingern und klirrte auf dem Teller.
„Die Schlüssel zu meiner Stadtwohnung. Leg sie auf den Tisch. Sofort.“
„Lena, fang doch nicht schon wieder an“, jammerte er und suchte den Blick seiner Mutter. „Es war doch gerade alles okay… Wozu brauchst du die jetzt? Morgen fahren wir doch zusammen…“
„Wir fahren nirgendwo zusammen hin.“ Ihre Stimme blieb eisig. „Du bleibst hier. Bei deiner Mutter. Bei Oskar, bei Marlene, zwischen Salatresten auf der Tischdecke und dem Dreck, den ihr überall verteilt habt. Das ist deine Welt, Niklas. Hier fühlst du dich offenbar wohl. In meine Wohnung kommst du nicht mehr.“
Andrea König schlug ihr Glas so heftig auf den Tisch, dass Wodka über die klebrige Oberfläche schwappte.
„Bist du verrückt geworden?!“, kreischte sie. „Du setzt meinen Sohn vor die Tür? Wer glaubst du eigentlich, wer du bist? Er ist doch dort gemeldet!“
„Nein“, entgegnete Lena ohne sie anzusehen. „Gemeldet ist er bei Ihnen. In Ihrer Drei-Zimmer-Wohnung in Düsseldorf, zusammen mit Ihnen und dem halben Familienanhang. Bei mir hat er nur gewohnt – solange er mein Ehemann war. Aber ein Mann, der schweigend zusieht, wie seine Verwandten seine Frau demütigen, ist keiner mehr.“
Sie beugte sich näher zu Niklas. Er wich zurück, als ginge von ihr Frost aus.
„Ich habe dir eine Wahl gelassen. Du hast dich für deine Mutter entschieden. Das ist dein gutes Recht. Also lebe jetzt auch mit dieser Entscheidung. Die Schlüssel. Auf den Tisch. Andernfalls lasse ich noch heute Abend die Schlösser austauschen, und deine Sachen stehen morgen in Müllsäcken vor der Tür. Du weißt, dass ich keine leeren Drohungen ausspreche.“
Mit zitternden Fingern zog Niklas den Schlüsselbund aus der Tasche seiner Shorts. Metall schlug hart auf Glas. Das Geräusch durchschnitt die plötzlich eingetretene Stille wie ein Schuss. Oskars Gitarre verstummte, Marlene hörte auf zu kauen. Alle starrten Lena an, als hätten sie eine Fremde vor sich, die in einer Sprache sprach, die sie nicht verstanden.
„Und jetzt hören Sie mir gut zu“, fuhr Lena fort, richtete sich auf und ließ den Blick über die Runde gleiten. „Ich werde weder die Polizei rufen noch mich auf Ihr Niveau herablassen. Dazu ist mir meine Zeit zu schade. Trinken Sie den Wodka aus. Essen Sie den Käse, den ich bezahlt habe. Schlafen Sie meinetwegen in meinem Bett, wenn Ihr Gewissen das zulässt. Aber morgen um zehn steht hier eine Baufirma. Der Zaun wird erneuert, eine Alarmanlage installiert. Und mit den Handwerkern kommen Sicherheitsleute. Sollte dann noch irgendein Socken von Ihnen hier herumliegen, tragen Sie die Konsequenzen.“
„Willst du uns einschüchtern?“, brüllte Oskar Schmitt und versuchte aufzustehen, schwankte jedoch und plumpste zurück auf die Bank. „Wir sind Familie! Wir haben Rechte!“
„Ihr einziges Recht besteht darin, dieses Grundstück zu verlassen, solange ich es noch höflich formuliere“, erwiderte sie scharf. „Leb wohl, Niklas. Den Scheidungsantrag reiche ich online ein. Ganz unkompliziert – das magst du doch so gern.“
Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab und ging zum Auto. Ihr Rücken war durchgedrückt, jede Bewegung fest entschlossen.
„Lena! Bleib stehen!“, rief Niklas plötzlich und sprang auf. „Du kannst doch nicht einfach fahren! Das ist doch Wahnsinn! Mama, sag ihr was!“
Andrea König packte ihn am Arm und riss ihn zurück auf die Bank.
„Setz dich!“, zischte sie. „Lass sie doch! Sie kommt schon angekrochen. Mit ihrer Hypothek am Bein findet sie keinen Besseren. Warte nur, mein Junge – sie wird froh sein, wenn wir ihr überhaupt noch Bedingungen stellen.“
Lena ließ sich in den Fahrersitz ihres Crossovers sinken. Im Innenraum lag der Duft von Leder und ihrem Parfum – kühl, klar, frei. Als der Motor ansprang, übertönte sein kraftvolles Brummen die betrunkenen Rufe von der Veranda. Im Rückspiegel sah sie, wie Niklas einen Schritt nach vorn machte, doch seine Mutter hielt ihn fest und redete wütend auf ihn ein.
Sie drückte das Gaspedal durch. Kies spritzte unter den Reifen. Das Tor ihres Grundstücks blieb hinter ihr zurück – der zertrampelte Rasen, der qualmende Grill, die lärmende Gesellschaft, die sich an ihrem Leben bedient hatte. Morgen würden neue Schlösser eingesetzt. Morgen käme eine Reinigungsfirma. Und heute fuhr sie in eine stille, leere Wohnung, in der niemand ihre Lieblingstasse anrühren würde.
Ihr Herz schlug ruhig und gleichmäßig. Keine Tränen. Kein Zweifel. Nur die klare Gewissheit, dass sie soeben die Last abgestreift hatte, die sie drei Jahre lang nach unten gezogen hatte. Diese Last saß nun auf der Veranda, lauschte den Anweisungen seiner Mutter und kippte warmen Wodka hinunter – zufrieden mit seiner Wahl zwischen Ehe und Kartoffelsalat.
