Der Sturm, vor dem er sich so lange gedrückt hatte, war nun mit voller Wucht losgebrochen.
Niklas Neumann stürmte die Stufen zur Veranda hinauf und hätte beinahe eine leere Wodkaflasche umgetreten. Sein Gesicht war fleckig gerötet, die Hände zitterten – ob aus Angst vor seiner Mutter oder vor seiner Frau, war schwer zu sagen. Hastig stellte er sich zwischen Lena und die umgekippte Salatschüssel, als könne er das Geschehene rückgängig machen.
„Lena, hör auf!“, kreischte er, die Stimme kippte in eine unangenehme Höhe. „Was soll das? Hier sitzen Gäste! Stell das sofort ab!“
Doch Lena sah ihn nur an. Lange. Unblinzelnd. In ihrem Blick lag kein Zorn, keine Verletzung – nur eine kühle, beinahe angewiderte Neugier, als betrachte sie etwas, das sie nicht mehr ernst nehmen konnte. Wortlos hatte sie die Schüssel gekippt. Der schwere, mayonnaisegetränkte Salat war mit einem schmatzenden Geräusch auf die ohnehin verschmutzte Tischdecke gerutscht und hatte Andrea Königs Ärmel bespritzt.
Stille senkte sich über die Veranda. Man hörte lediglich das träge Summen einer fetten Fliege über der Fleischplatte.
„Bist du völlig durchgedreht?“, zischte Andrea König und klopfte sich Kartoffelstücke von der Bluse. „Oskar, siehst du das? Die ist ja nicht ganz dicht! Lebensmittel einfach wegwerfen! Wir behandeln sie wie einen Menschen und sie benimmt sich wie das Letzte. Undankbar bis zum Gehtnichtmehr!“
„Mama, bitte!“ Niklas packte Lena am Ellbogen und zog sie zur Seite, weg vom Tisch, hinter die Ecke des Hauses.
Sie ließ sich mitziehen, riss ihren Arm jedoch sofort wieder frei, als hätte seine Berührung etwas Ansteckendes. Neben dem Fallrohr blieben sie stehen. Niklas atmete schwer; er roch nach billigem Bier – und nach Panik.
„Lena, das geht zu weit“, flüsterte er hastig und warf einen Blick zurück zur Veranda, wo bereits empörtes Gemurmel anschwoll. „Das sind meine Verwandten. Oskar hat getrunken, der kann nicht mehr fahren. Wohin sollen sie jetzt? Es ist später Nachmittag! Lass sie doch hier übernachten. Ich leg sie ins Wohnzimmer auf den Boden, wir nehmen nicht mal frische Bettwäsche. Morgen früh sind sie weg, versprochen. Aber bitte – blamier mich nicht so vor allen.“
Sie musterte ihn, und was sie sah, war nicht der Mann, den sie vor drei Jahren geheiratet hatte. Vor ihr stand etwas Weiches, Formloses – jemand, der sich krampfhaft jeder Umgebung anpasste, nur um nicht anzuecken.
„Du blamierst dich selbst, Niklas“, erwiderte sie ruhig. „Indem du ohne ein Wort diese ganze Truppe in mein Haus schleppst. Indem du zulässt, dass deine Mutter in meiner Küche herumkommandiert. Und indem du jetzt hier stehst und jammerst, statt Verantwortung zu übernehmen.“
„Was für eine Verantwortung denn?“ Er hob hilflos die Arme. „Was haben sie dir getan? Sie haben gegessen, sie haben getrunken – na und? Tut dir das weh? Du verdienst doch genug, Frau Abteilungsleiterin mit Geländewagen. Bleibt dir der Käse im Hals stecken?“
„Es geht nicht um Käse.“ Ihre Stimme wurde noch leiser. „Es geht darum, dass du Menschen in mein Haus bringst, die sich aufführen wie Eroberer. Hörst du eigentlich, was sie reden?“
Von der Veranda dröhnten lallende Stimmen herüber.
„Diese eingebildete Städterin!“, rief Marlene Albrecht lautstark. „Kippt einfach den Salat um! Zu meiner Zeit hätte ich ihr eine gescheuert. Niklas ist viel zu weich. Kein Wunder, dass sie ihm auf der Nase herumtanzt. So eine Frau muss man im Griff haben und nicht auch noch den Schlüssel zur Datsche geben!“
„Genau!“, brummte Anton Friedrich. „Die schwimmt doch im Geld. So ein Haus verdient man sich nicht ehrlich. Und jetzt hält sie sich für was Besseres. Morgen schicken wir sie erst mal in den Garten, dann vergeht ihr die Arroganz.“
Lena lächelte schmal und sah ihren Mann an. Sein Gesicht lief noch dunkler an, der Blick wich aus.
„Hast du das gehört?“, fragte sie. „Sie planen bereits meine Umerziehung. Heute graben sie den Rasen um, morgen beschließt Oskar, dass er hier eine Sauna braucht.“
„Die sind betrunken“, murmelte Niklas schwach. „Wenn sie nüchtern sind, sind sie ganz anders. Bitte, nur dieser eine Abend. Wenn du sie jetzt rauswirfst, macht meine Mutter mir die Hölle heiß. Sie wird mir das nie verzeihen.“
„Und wenn ich sie hier behalte, wird es für mich zur Hölle“, entgegnete Lena. „Ich komme hierher, um Ruhe zu haben – nicht um Animateurin für respektlose Verwandtschaft zu spielen.“
Sie trat einen Schritt näher, bis kaum noch Abstand zwischen ihnen blieb. Ihre Stimme klang nun trocken und scharf wie Herbstlaub.
„Hör gut zu. Es ist genau sechzehn Uhr. Du und deine Familie habt zwanzig Minuten Zeit, eure Sachen zu packen und zu fahren. Ein Taxi in die Stadt kostet zweitausend Eurocent? Nein – zweitausend Euro sind es nicht, sondern knapp zweitausend Euro?“
Sie schüttelte kurz den Kopf. „Zweitausend Euro kostet es sicher nicht – aber selbst wenn. Wenn Oskar kein Geld hat, gib ihm welches. Wenn du keines hast, frag deine Mutter.“
Er versuchte, sich aufzurichten. „Und wenn ich sage, sie bleiben? Es ist auch mein Wochenendhaus. Ich bin dein Mann!“
„Im Grundbuch stehe nur ich“, antwortete sie ohne jede Regung. „Bezahlt aus meinem Vermögen vor der Ehe. Rechtlich bist du hier Gast. Und als Gast benimmst du dich beschämend.“
Sie atmete tief durch. Etwas in ihr löste sich – der letzte Faden, der sie noch an diese Vorstellung von Ehe gebunden hatte.
„Entweder sie fahren jetzt. Oder du fährst mit. Pack deine Sachen, steig in Oskars rostigen Logan und zieh zurück zu deiner Mutter. Und die Schlüssel zu unserer Wohnung legst du auf den Küchentisch. Du kommst weder hierher noch dorthin zurück.“
Niklas starrte sie an, der Mund halb geöffnet. Mit Wut hätte er umgehen können, mit Geschrei auch. Doch diese frostige Klarheit traf ihn unvorbereitet.
„Du willst mich rausschmeißen? Wegen meiner Mutter? Wegen ein bisschen Grillerei? Lena, wir sind seit fünf Jahren zusammen!“
„Nicht wegen des Grillens“, sagte sie ruhig. „Sondern weil du entschieden hast, lieber ein bequemer Sohn zu sein als mein Partner. Du hast zugelassen, dass man mich in meinem eigenen Haus herabsetzt. Jetzt triff deine Wahl. Die Zeit läuft.“
Ohne ein weiteres Wort ging sie zurück zur Veranda. Als sie die Stufen hinaufstieg, verstummten die Stimmen für einen Moment. Andrea König tupfte sich immer noch Mayonnaise von der Bluse und holte bereits Luft für den nächsten Angriff.
„Na, habt ihr euch ausgesprochen?“, spottete sie. „Hat dein Mann dir Vernunft beigebracht? Setz dich lieber wieder hin und trink einen mit uns, solange ich noch gute Laune habe. Und bring mir eine saubere Gabel – mit der hier kann man ja nicht essen.“
Lena antwortete nicht. Sie ließ sich in den Korbsessel sinken, verschränkte die Arme und wartete. Ihr Blick ruhte auf Niklas, der langsam die Stufen heraufkam – wie jemand, der einem unausweichlichen Urteil entgegenging. In seinen hastig zuckenden Augen lag nur eines: die Bereitschaft, jeden zu verraten, wenn es ihm selbst das Überleben sicherte.
