„Leg die Schlüssel auf den Tisch, Niklas, und sorge dafür, dass bis heute Abend keiner von ihnen mehr hier ist“ befahl Lena leise und eisig am Gartentor, während ihr sorgsam aufgebautes Wochenendhaus im Partychaos versank

Diese Rücksichtslosigkeit fühlt sich zutiefst verletzend an.
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„Ich habe mir nicht zwei Jobs aufgehalst, um dieses Haus zu finanzieren, nur damit deine Mutter hier mit ihrem gesamten Anhang einfällt und es in eine Art Ferienlager verwandelt! Leg die Schlüssel auf den Tisch, Niklas, und sorge dafür, dass bis heute Abend keiner von ihnen mehr hier ist.“

Lena Schmitt sprach leise. Kein Schreien, kein theatralisches Gestikulieren. Ihre Stimme war tief und fest, genau dieser Tonfall, bei dem in ihrem Büro selbst hartgesottene Projektleiter schluckten und Diskussionen abrupt beendeten.

Sie stand am weit geöffneten Tor, eine Hand auf der Motorhaube ihres Wagens. Das Blech war aufgeheizt von der Sonne, doch die Hitze unter ihrer Haut war um ein Vielfaches stärker. Was sich vor ihr ausbreitete, glich einer grotesken Karikatur ihres sorgfältig aufgebauten Rückzugsorts. Das kleine Wochenendhaus, für das sie zwei Jahre lang auf Urlaub, freie Wochenenden und Schlaf verzichtet hatte, erinnerte eher an einen überfüllten Rastplatz an einem Feiertag.

Niklas Neumann trat von einem Fuß auf den anderen. In der einen Hand hielt er ein angebissenes Brot, mit der anderen versuchte er unauffällig einen Ketchupfleck auf seinem Shirt zu verdecken. Er wirkte wie ein ertappter Teenager, nicht wie der Mitbesitzer dieses Grundstücks.

„Jetzt übertreib doch nicht gleich so“, begann er beschwichtigend und zwang sich zu einem schiefen Lächeln. „Das sind doch keine Fremden. Oskar Schmitt ist da, mit seiner Familie, und Marlene Albrecht… Mama meinte nur, bei dem Wetter wäre es doch schade, nicht rauszufahren. Wir gehören schließlich zusammen. Man kann doch nicht so… egoistisch sein.“

Ohne ihm zu antworten, ließ Lena ihren Blick über das Grundstück wandern. Mitten auf ihrem akkurat geschnittenen Rasen stand ein verbeulter, rostiger Wagen — die Reifen direkt auf dem Gras. Aus den offenen Fenstern dröhnte billige Schlagermusik, der Bass vibrierte bis in die Fensterscheiben des Hauses.

Nahe der Veranda qualmte ein wackeliger Grill. Der Rauch war beißend schwarz; offenbar hatte jemand großzügig Spiritus nachgegossen. Ein beleibter Mann im Unterhemd fächelte mit einem Stück Pappe so energisch Luft zu, dass Funken auf das frisch gestrichene Geländer sprühten.

„Zusammen?“, wiederholte Lena kühl. „Niklas, ich habe diese Leute genau einmal gesehen — vor fünf Jahren auf unserer Hochzeit, als sie dem Kellner beinahe an die Gurgel gegangen wären. Das ist kein enger Kreis. Das ist ein Wanderzirkus. Du wolltest die Schlüssel, um den Rasen zu mähen und den Zaun zu reparieren. Ich sehe: Der Rasen ist plattgefahren, und der Zaun wird offenbar von einem Sack Grillkohle gestützt.“

Sie betrat das Grundstück ohne Einladung. Ihre Absätze knirschten auf dem Kies. Niklas eilte hinterher, unschlüssig, ob er sie aufhalten sollte.

„Lena, bitte… Die Leute sind doch schon da. Mama hat seit gestern das Fleisch mariniert. Sie wussten nicht, dass du heute kommst. Ich dachte, wir sitzen einfach gemütlich zusammen, ganz ruhig…“

„Ruhig? Zu zehnt auf sechshundert Quadratmetern?“, unterbrach sie ihn scharf und blieb vor ihrem kleinen Steingarten stehen — ihrem persönlichen Stolz.

Der Anblick ließ sie für einen Moment die Augen schließen. Zwischen den sorgsam gesetzten Polsterpflanzen und Zwergkoniferen, die sie eigens aus einer Spezialgärtnerei bestellt hatte, standen eine halb leere Fünf-Liter-Wasserflasche und ein Berg Plastikbecher. Jemand hatte die Steine offenbar für einen improvisierten Buffettisch gehalten. Ein fettiger Pappteller klebte an einem Wacholderzweig.

„Das wird sofort entfernt“, sagte sie ruhig und deutete auf die Szene.

„Ach komm, das räumen wir gleich weg“, winkte Niklas ab, ohne sich zu bücken. „Geh doch erst mal rüber. Mama winkt dir schon.“

Auf der Veranda saß Andrea König — breit und selbstbewusst in Lenas Korbsessel, genau in dem Sessel, in dem Lena sich mit einem Buch und einer Tasse Kaffee gesehen hatte. Andrea thronte dort wie eine Feldherrin, ein Weinglas in der Hand, ein grell gemustertes Kleid über ihren ausladenden Knien. Als sie die Schwiegertochter bemerkte, erhob sie sich nicht einmal, sondern hob lediglich ihr Glas zum Gruß und rief etwas Lautes über die Musik hinweg.

In Lena klickte innerlich ein Schalter. Das letzte Fünkchen Nachsicht für ihren Mann verglühte. Übrig blieb eine klare, kalte Abneigung. Niklas erschien ihr plötzlich wie ein Teil dieses Chaos — genauso fehl am Platz auf diesem Grundstück wie die Plastikbecher im Steingarten.

„Ich werde niemanden begrüßen“, sagte sie sachlich. „Ich habe keine Gäste eingeladen. Ich bin nach Hause gekommen. In mein Haus. Es läuft auf meinen Namen, und ich zahle die Raten. Du gehst jetzt zu deiner Mutter und erklärst ihr, dass die Feier beendet ist. Eine Stunde. In sechzig Minuten sind Grill, Müll und Auto verschwunden.“

„Bist du verrückt?“, zischte Niklas. Zum ersten Mal blitzte echte Angst in seinen Augen auf. „Wie soll ich das sagen? Oskar ist extra von außerhalb angereist. Und wenn Mama sich aufregt, weißt du doch, wie sie wird. Zieh dich doch um, setz dich kurz dazu. Heute Abend fahren sie sowieso.“

„Ach, jetzt bin ich also die Böse?“, entgegnete Lena bitter. „Als ich ein halbes Jahr ohne freien Tag gearbeitet habe, um die Anzahlung zusammenzubekommen, war ich heldenhaft. Und jetzt, wo ich verlange, dass man mein Eigentum respektiert, bin ich plötzlich das Problem?“

In diesem Moment rannte ein schmutziger Junge quer über den Rasen und trat kreischend gegen einen aufgeblasenen Ball. Mit voller Wucht prallte er gegen die frisch gepflanzte Thuja. Die Spitze brach sauber ab. Lena zuckte zusammen, als hätte man sie selbst geschlagen. Niklas senkte den Blick.

„Eine Stunde“, wiederholte sie ruhig. „Wenn danach noch irgendjemand hier herumsteht, lasse ich den Wagen abschleppen. Und die Sachen deiner Verwandtschaft werfe ich persönlich vor das Tor. Ob sie im Schlamm landen oder im Unkraut, wird mich nicht interessieren.“

Ohne ein weiteres Wort ging sie Richtung Haus. Zwischen fremden Gesichtern hindurch, die sie neugierig oder missbilligend musterten. Einige verstummten kurz, andere kauten demonstrativ weiter. Die Luft roch nach billigem Grillanzünder, Alkohol und aufdringlichem Parfüm.

Mit geradem Rücken stieg Lena die Stufen zur Veranda hinauf, spürte im Nacken den unsicheren Blick ihres Mannes und wusste, dass dieser Kampf um ihr eigenes Zuhause gerade erst begonnen hatte.

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