„wenn mein Sohn verheirat ist, dann gehört in einer Familie schließlich alles allen!“ pochte die Schwiegermutter darauf, Annas Einzimmerwohnung für Mila zu beanspruchen

Diese rücksichtlose Gier fühlt sich zutiefst verwerflich an.
Geschichten

Zunächst verstand ich überhaupt nicht, worauf sie hinauswollte. Welche Einzimmerwohnung meinte sie? Doch nicht etwa die kleine Studiowohnung am Stadtrand, die ich noch vor meiner Hochzeit gekauft hatte – von all meinen Ersparnissen und dem bescheidenen Erbe meiner Großmutter?

„Andrea Schubert, geht es Ihnen eigentlich noch gut?“, fragte ich so leise wie möglich, damit meine Kollegen im Büro nichts mitbekamen. „Dort wohnt ein Mieter. Es gibt einen ganz offiziellen Vertrag.“

„Ach was, nun stell dich nicht so an!“, winkte meine Schwiegermutter ab, als ginge es um eine ausrangierte Strickjacke. „Welcher Mieter denn? Ich habe das eine Woche lang beobachtet – abends brennt kein Licht, niemand kommt oder geht. Die Wohnung steht leer, während die eigene Schwägerin mit ihren Sachen von Ecke zu Ecke zieht. Deinem Mieter sagst du einfach, dass sich die Umstände geändert haben. Mila Vogel zieht mit ihren Kätzchen ein. Und jetzt übertreib nicht – wenn mein Sohn verheiratet ist, dann gehört in einer Familie schließlich alles allen!“

Das Gespräch endete abrupt, nur noch das monotone Tuten blieb. Ich starrte auf das dunkle Display meines Handys und spürte, wie sich eine schwere, heiße Welle in mir aufstaute. Diese Wohnung war meine Absicherung, mein einziger Rückhalt. Jahrelang hatte ich auf Urlaube verzichtet, um mir diese kleine Altersvorsorge aufzubauen. Und mein Mieter war niemand Geringeres als Markus Huber, pensionierter Polizeibeamter im Rang eines Oberstleutnants – ein Mann von Prinzipien und eiserner Ordnung. Er war lediglich für zehn Tage in einer Reha-Klinik, um seinen Rücken behandeln zu lassen.

Ich wählte sofort die Nummer meines Mannes. Lukas Werner meldete sich zögerlich; seine Stimme klang schuldbewusst, aber zugleich trotzig.

„Anna, wo ist das Problem? Meine Mutter hat doch nicht unrecht. Wir sind Familie. Mila bleibt nur vorübergehend, bis sie Arbeit findet. Warum sollen wir einen fremden Mann in unserer Wohnung haben, wenn meine Schwester Hilfe braucht?“

„Lukas, ich habe die Wohnung vor unserer Ehe gekauft. Sie gehört mir. Dort stehen persönliche Sachen, und ich habe eine Kaution erhalten! Ihr seid in fremdes Eigentum eingedrungen!“

„Was für Sachen denn? Zwei Hemden im Schrank“, brummte er. „Mama hat alles in Tüten gepackt und auf den Balkon gestellt. Mach aus einer Mücke keinen Elefanten. Heute Abend reden wir in Ruhe, ich bin müde.“

Auf ein abendliches Gespräch hatte ich keine Lust zu warten. Ich bat meinen Vorgesetzten um Freistellung – angeblich wegen eines Rohrbruchs – und ging hinaus. Die frische Frühlingsluft kühlte mein brennendes Gesicht etwas ab. Einen lautstarken Treppenhausstreit wollte ich vermeiden; in solchen Szenen war Andrea Schubert unschlagbar. Sie hatte stets ihren schwankenden Blutdruck als Waffe und die unangreifbare Rolle der Mutter meines Mannes im Gepäck.

Stattdessen suchte ich in meinen Kontakten nach einer Nummer. Markus Huber hatte zwar noch eine Woche Kur vor sich, doch ein Versuch war es wert.

„Huber“, meldete sich seine ruhige, tiefe Stimme.

„Herr Huber, entschuldigen Sie die Störung. Wir haben ein ernstes Problem“, begann ich und holte tief Luft. „Meine Verwandten haben Ihre Abwesenheit ausgenutzt, einen Schlüsseldienst gerufen, das Schloss austauschen lassen und eine junge Frau mit drei Katzen in die Wohnung gesetzt. Ihre Sachen wurden in Taschen gepackt und auf den Balkon gestellt.“

Am anderen Ende herrschte eine lange, bedrückende Stille.

„Meine Behandlung wurde ohnehin unterbrochen, man hat mich dienstlich zurückbeordert“, sagte er schließlich mit eisiger Beherrschung. „Ich fahre gerade in die Stadt. In zwei Stunden bin ich dort. Unternehmen Sie nichts, Anna. Ich kümmere mich darum. Bringen Sie bitte Ihre Eigentumsunterlagen mit.“

Ich war deutlich früher vor Ort und setzte mich auf eine Bank beim Nachbareingang. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, wartete ich. Keine zehn Minuten später rollte ein eleganter Wagen mit ruhiger Selbstverständlichkeit in den Innenhof und kam langsam am Bordstein zum Stehen.

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber