„Meinst du das ernst?“ – seine Stimme kippte ins Heisere, er krallte sich an die Tischkante

Diese egoistische Haltung war zugleich schockierend und notwendig.
Geschichten

Ich hatte geglaubt, mit dem Geld würde endlich Ruhe einkehren. Vielleicht, so hoffte ich naiv, würde sogar Maria Mayer aufhören, ständig an mir herumzunörgeln.

Ein Irrtum.

Schon am nächsten Morgen klingelte ihr Anruf, als hätte sie einen inneren Alarm, der jedes Zucken auf meinem Konto registrierte. Ich stellte gerade eine gespülte Tasse ins Regal, trocknete mir die Hände ab – und hörte, wie Alexander Ludwig im Wohnzimmer sprach.

„Ja, Mama. Lena hat geerbt. Ja … fast drei Millionen.“

Damit nahm alles Fahrt auf.

„Alexander, hör mir gut zu! Die Wohnung muss auf euch beide laufen! Das ist euer gemeinsames Zuhause, kein Spielzeug von ihr!“

Ich blieb im Türrahmen stehen. Er hatte sie auf Lautsprecher gestellt – sein erster Fehler.

„Aber Mama, es ist doch ihr Erbe …“

„Na und?“, fauchte sie. „Du hast doch auch gespart! Ihr seid verheiratet! Oder willst du riskieren, dass sie dich irgendwann vor die Tür setzt?“

In mir spannte sich etwas an. Nicht laut, nicht dramatisch – eher wie ein leiser, klarer Riss.

„Ich werde die Wohnung allein auf meinen Namen eintragen lassen“, sagte ich ruhig.

Alexander drehte sich abrupt zu mir um, als hätte ich ihn geohrfeigt.

„Lena, warum so radikal? Lass uns das doch vernünftig besprechen …“

„Es ist bereits entschieden. Die Wohnung läuft auf mich.“

Ich verließ die Küche und zog die Tür hinter mir zu.

Doch das war erst der Anfang.

In den darauffolgenden Wochen war es in unserer alten Wohnung kälter als draußen – nicht wegen der Heizung, sondern wegen uns. Alexander wirkte angespannt, sprach knapp, als hätte ich ihm persönlich eine Zukunft gestohlen.

Maria Mayer meldete sich täglich. Manchmal sogar zweimal. Ich hörte jedes Mal sein tiefes Ausatmen, bevor er ranging – doch er ging ran. Und jedes Gespräch mündete früher oder später in derselben Diagnose: Ich sei „undankbar“ und „übertrieben unabhängig“.

Währenddessen besichtigte ich Wohnungen.

Eine Dreizimmerwohnung gefiel mir besonders: siebzig Quadratmeter, Neubau, ruhige Seitenstraße, U-Bahn in Laufnähe. Ich fuhr allein hin – Alexander wollte nicht mitkommen.

„Wenn du ohnehin alles auf dich eintragen lässt, dann schau sie dir auch allein an“, meinte er kühl.

Es tat weh. Sehr sogar. Aber ich blieb standhaft.

Mir war längst klar, dass es kein Zurück mehr gab.

Die Bank bewilligte den Kredit erstaunlich schnell. Als ich es ihm sagte, hob er nur die Augenbrauen.

„Das heißt, du hast bereits alles festgelegt?“

„Ja.“

„Ohne mich zu fragen?“

„Hätte ich gefragt, hätte ich doch wieder nur die Meinung deiner Mutter gehört.“

Er schwieg.

Ende Januar zogen wir um. Drei Tage Dauerregen begleiteten uns – als würde Berlin selbst etwas betrauern, das noch gar nicht offiziell beendet war.

Die neue Wohnung war wunderschön. Helle Wände, große Fenster, endlich eine Küche, in der man sich bewegen konnte, getrennte Zimmer statt unserer bisherigen Enge. Ich lief von Raum zu Raum, überlegte, wo das Sofa stehen sollte, wo die Regale hinkamen. Sogar einen Ficus kaufte ich – als Symbol für einen Neubeginn.

Alexander hingegen bewegte sich durch die Räume wie ein Untermieter. Kaum Worte. Nachts starrte er ins Handy. An den Wochenenden verschwand er stundenlang zu seiner Mutter.

Zuerst redete ich mir ein, er brauche einfach Zeit. Dann dachte ich, es sei nur eine Phase. Schließlich versuchte ich, es als Nebensache abzutun.

Bis zu jenem Abend.

Ich stand am Herd und briet Gemüse an, das Öl zischte leise in der Pfanne. Hinter mir hörte ich seine Schritte.

„Weißt du … hier fühle ich mich nicht wohl.“

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