„Meine Mutter kommt übermorgen. Für ein paar Tage.“ sagte Niklas und Johanna erstarrte im Flur

Die unerwartete Ankunft fühlte sich ungerecht an.
Geschichten

Einen Augenblick blieb sie noch im Flur stehen, als müsse sie prüfen, ob wirklich alles erledigt war. Kein Laut drang aus dem Schlafzimmer. Elisabeth Weiß schlief weiterhin tief und fest.

Die Wohnungsschlüssel befanden sich in Johannas Manteltasche. Ein Austausch der Schlösser war nicht nötig – Elisabeth war hier nicht gemeldet, eigene Schlüssel hatte sie nie besessen. Johanna zog einen Notizblock aus der Schublade, setzte sich kurz an den kleinen Tisch im Eingangsbereich und schrieb mit ruhiger Hand einen knappen Satz:

„Die Sachen deiner Mutter stehen draußen im Hausflur. Ich feiere den Jahreswechsel woanders – ohne Streit.“

Mehr erklärte sie nicht. Kein Vorwurf, keine Rechtfertigung. Sie legte den Zettel so auf die Kommode, dass er sofort ins Auge fallen musste. Dann griff sie nach ihrer Tasche, verließ die Wohnung, schloss sorgfältig ab und ging die Treppe hinunter.

Draußen empfing sie klare Winterluft. Es war kalt, doch die Kälte tat gut, als würde sie den Kopf freimachen. Johanna atmete tief ein. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sie sich leichter.

Ein Taxi brachte sie zum Bahnhof. Der Zug in die Stadt, in der Lia Beck lebte, sollte in knapp einer Stunde abfahren. Johanna kaufte ein Ticket, setzte sich in den Wartesaal und schaltete ihr Handy aus. Keine Anrufe. Keine Nachrichten. Keine Diskussionen.

Während der Fahrt blickte sie lange aus dem Fenster. Die dunklen Felder, vereinzelte Lichter in der Ferne, verschneite Bahnübergänge – alles glitt ruhig an ihr vorbei. In ihr war kein Zorn mehr, auch keine gekränkte Eitelkeit. Stattdessen eine stille, fast ungewohnte Gelassenheit. Als hätte sie endlich eine Last abgelegt, die sie viel zu lange getragen hatte.

Lia erwartete sie am Bahnsteig mit zwei Bechern heißem Kaffee. Ohne viele Worte schloss sie Johanna in die Arme.

„Erzählst du mir, was passiert ist?“

Johanna schüttelte leicht den Kopf. „Später. Ich brauche erst einmal Stille.“

Lia nickte verständnisvoll. Sie stellte keine weiteren Fragen, brachte Johanna zu sich nach Hause und zeigte ihr das Gästezimmer.

„Bleib, so lange du willst. Wir machen uns einen ruhigen Abend. Wenn du magst, kommt mein Bruder noch vorbei – ganz entspannt. Keine Hektik, keine aufdringlichen Verwandten.“

Zum ersten Mal seit Wochen huschte Johanna ein echtes Lächeln über das Gesicht.

Niklas Neumann kam gegen sechs Uhr abends zurück. In den Händen trug er mehrere Einkaufstüten – Elisabeth hatte ihm eine detaillierte Liste für das Festessen mitgegeben. Als er die Etage erreichte, blieb er abrupt stehen.

Vor der Wohnungstür standen die Koffer seiner Mutter. Zwei große, dazu drei Taschen und die Schachtel mit der empfindlichen Topfpflanze. Alles säuberlich an der Wand aufgereiht.

„Was soll das denn…“, murmelte er irritiert.

Er schloss auf und trat ein. Drinnen herrschte eine eigenartige Stille. Keine Musik, kein Klappern aus der Küche.

„Johanna?“ rief er in die Wohnung.

Keine Antwort.

„Mama?“

Aus dem Wohnzimmer erschien Elisabeth, noch halb verschlafen, das Haar zerzaust. „Warum schreist du so? Ich bin kurz eingenickt…“

„Deine Sachen stehen draußen.“

„Wie bitte?“ Sie eilte an ihm vorbei in den Flur. „Draußen? Auf dem Gang?“

Da bemerkte Niklas den Zettel auf der Kommode. Er nahm ihn, las die wenigen Zeilen – und las sie ein zweites Mal, als könne sich der Inhalt beim erneuten Hinsehen verändern.

„Die Sachen deiner Mutter stehen draußen im Hausflur. Ich feiere den Jahreswechsel woanders – ohne Streit.“

Elisabeth riss ihm das Blatt aus der Hand. „Das ist ja unerhört! Wie kann sie es wagen? Sie setzt mich vor die Tür? Mich, deine Mutter?“

Niklas schwieg. Immer wieder gingen ihm die Worte durch den Kopf. Sie blieben eindeutig.

„Sag doch etwas! Willst du das einfach hinnehmen?“ fuhr Elisabeth ihn an.

Er zog sein Handy hervor und wählte Johannas Nummer. Es klingelte lange, dann meldete sich die automatische Ansage: nicht erreichbar. Er versuchte es erneut. Und noch einmal.

„Sie geht nicht ran“, sagte er schließlich leise.

„Dann fahr ihr hinterher! Hol sie zurück! So etwas lässt man sich doch nicht gefallen!“

Niklas sah von seiner Mutter zum Zettel und wieder auf das Display seines Telefons. Langsam dämmerte ihm, dass Erklärungen jetzt kaum noch etwas ändern würden.

Elisabeth begann lautstark zu klagen – über Nachbarn, die die Koffer sehen könnten, über Schande und Undankbarkeit. Sie habe immer gewusst, dass Johanna keine gute Ehefrau sei. Niklas hörte nur halb zu. Er ging ins Schlafzimmer. Johannas Kleidung hing noch im Schrank, doch ihre Reisetasche fehlte. Auch das Schminktäschchen war verschwunden. Das Buch, das sonst stets auf dem Nachttisch lag, war nicht mehr da.

Sie war wirklich gegangen.

Zurück im Flur redete Elisabeth noch immer aufgebracht. Wortlos trat Niklas hinaus auf den Gang und begann, die Koffer wieder hereinzutragen.

„So ist es richtig“, kommentierte sie zufrieden. „Wenigstens du benimmst dich vernünftig.“

Er antwortete nicht. Nachdem alles wieder in der Wohnung stand, schloss er die Tür. Etwas in seiner Brust zog sich schmerzhaft zusammen, doch er konnte es nicht benennen.

Am Abend trafen die ersten Gäste ein – jene, die Elisabeth eingeladen hatte. Innerhalb kurzer Zeit füllte sich die Wohnung mit Stimmen und Lachen. Elisabeth empfing alle überschwänglich, pries das geplante Festmahl und verteilte Getränke.

Niklas saß am Küchentisch und starrte auf die Holzplatte vor sich.

Ein Nachbar beugte sich zu ihm. „Warum so finster? Es ist Silvester!“

„Meine Frau ist weggefahren“, erwiderte Niklas knapp.

„Weg? Einfach so?“

„Sie meinte, sie feiert ohne Streit.“

Der Nachbar zog die Augenbrauen hoch. „Ganz ohne Grund verschwindet niemand.“

Niklas sagte nichts.

Die Musik wurde lauter, Gläser klirrten, Gelächter hallte durch die Räume. Elisabeth schwebte zufrieden zwischen Küche und Wohnzimmer, füllte Teller, erzählte Anekdoten. Niklas begriff, dass dieses Fest nie seines gewesen war. Er hatte zugestimmt, weil es bequemer war, als zu widersprechen. Weil er Diskussionen mit seiner Mutter vermeiden wollte.

Johanna hingegen hatte nicht diskutiert. Sie war gegangen.

Er versuchte erneut, sie anzurufen. Wieder blieb das Telefon stumm.

Kurz vor Mitternacht waren viele der Gäste bereits angeheitert. Elisabeth sang lautstark Karaoke, Katharina Kraus drehte sich lachend mit einem fremden Mann im Kreis. Niklas trat hinaus auf den Balkon.

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