„Meine Mutter kommt übermorgen. Für ein paar Tage.“ sagte Niklas und Johanna erstarrte im Flur

Die unerwartete Ankunft fühlte sich ungerecht an.
Geschichten

Johanna Sommer schleppte sich nach einem endlosen Arbeitstag nach Hause. Der Tag hatte sie ausgelaugt – Tabellen, Telefonkonferenzen, ständig verschobene Deadlines. Als Einkaufsmanagerin in einem mittelständischen Betrieb war die Zeit vor dem Jahreswechsel jedes Mal die reinste Belastungsprobe: Alle wollten Verträge noch vor Silvester unter Dach und Fach bringen. Kaum hatte sie die Wohnung betreten, streifte sie im Flur ihre Schuhe ab und steuerte direkt die Küche an. Wenigstens eine Tasse Tee in Ruhe, dachte sie.

Niklas Neumann saß bereits am Tisch, das Handy in der Hand. Er hob kurz den Blick, als sie hereinkam.

„Meine Mutter kommt übermorgen. Für ein paar Tage. Bis ich das mit ihrer Wohnung geregelt habe.“

Johanna erstarrte, den Wasserkocher noch in der Hand.

„Wie bitte – sie kommt? Darüber haben wir doch gar nicht gesprochen.“

„Was gibt’s da zu besprechen? Sie ist meine Mutter. Die Heizung bei ihr ist kaputt, und die Handwerker können erst nächste Woche. Soll sie etwa frieren?“

Johanna stellte den Wasserkocher langsam ab. „In zwei Wochen ist Neujahr. Wir wollten den Abend ruhig verbringen. Nur wir beide. Das haben wir vor einem Monat beschlossen.“

„Tun wir doch auch. Sie bleibt ja nicht lange.“ Niklas senkte den Blick wieder auf sein Display – das Gespräch war für ihn offenbar beendet.

Während das Wasser zu kochen begann, breitete sich in Johanna ein unangenehmes Gefühl aus. „Ein paar Tage“ bedeutete bei Elisabeth Weiß erfahrungsgemäß alles – nur keine paar Tage.

Am Samstagvormittag klingelte es. Johanna öffnete – und traute ihren Augen kaum. Statt eines einzelnen Koffers standen zwei riesige Rollkoffer vor der Tür, dazu mehrere Taschen und eine Kiste mit der Aufschrift „Vorsicht, zerbrechlich“.

„Ach, mein liebes Johannchen“, sagte Elisabeth Weiß und trat ohne abzuwarten ein. „Hilf Niklas doch bitte mit dem Gepäck, er schafft das sonst nicht allein.“

Wortlos griff Johanna nach einer der Taschen. Niklas mühte sich mit hochrotem Kopf an den Koffern ab. Währenddessen stand Elisabeth bereits mitten im Wohnzimmer und musterte alles mit prüfendem Blick.

„Das Sofa sollte man anders stellen. Und dieses Bücherregal nimmt viel zu viel Platz weg. Wenn man es entfernt, wirkt der Raum größer“, bemerkte sie, während sie ihren Mantel auszog. „Und das Licht ist viel zu schwach. Hellt doch mal die Lampen auf.“

Johanna sah ihren Mann an, wartete auf ein „Mama, bitte“, doch Niklas nickte nur flüchtig und verschwand in Richtung Küche.

„Bleiben Sie länger, Frau Weiß?“, fragte Johanna vorsichtig.

„Wer weiß, wie lange die Reparatur dauert? Ich habe lieber etwas mehr eingepackt. Ständig hin- und herzufahren ist doch lästig. Außerdem habt ihr hier genug Platz.“

Johanna schluckte ihren Ärger hinunter. Kaum waren die Koffer ausgepackt, hatte sich das Wohnzimmer verwandelt. Kleidung lag über Stühlen und Sofa verteilt, Kosmetiktäschchen, Medikamente und Zeitschriften belegten Regale und Tische. Eine vertraute Lieblingstasse erschien auf dem Esstisch, und auf dem Fensterbrett platzierte Elisabeth einen Blumentopf.

„Meine Veilchen“, erklärte sie stolz. „Die begleiten mich überallhin. Ohne sie fühle ich mich nicht wohl.“

Johanna nickte nur.

Beim Abendessen wurde es nicht besser. Kaum begann Johanna zu kochen, stand die Schwiegermutter im Zehn-Minuten-Takt in der Küchentür.

„Schneid die Kartoffeln kleiner, dann garen sie schneller. Und das Fleisch – das wird zu trocken. Niklas mag es zart. Du solltest dir da wirklich mehr Mühe geben. In deinem Alter konnte ich schon dutzende Salate und unzählige Suppen.“

Johanna presste die Lippen zusammen und führte das Messer gleichmäßig weiter durch das Gemüse. Niklas tippte im Wohnzimmer demonstrativ auf seiner Tastatur – beschäftigt, unbeteiligt.

„Und überhaupt“, setzte Elisabeth nach, „ein paar Veränderungen würden der Wohnung guttun. Diese Blumen verstauben nur. Und der Teppich hat seine besten Zeiten hinter sich. Bei meiner Nachbarin Katharina Kraus wurde kürzlich renoviert – modern und stilvoll. Hier wirkt alles etwas… altmodisch.“

Johanna atmete tief ein. „Es ist unsere Wohnung. Und wir mögen sie so.“

„Ich mache doch nur Vorschläge“, entgegnete Elisabeth mit gekränktem Ton. „Man darf ja wohl noch etwas sagen. Die Jugend reagiert heutzutage gleich empfindlich.“

Am nächsten Morgen wurde Johanna vom dröhnenden Fernseher geweckt. Es war erst acht Uhr, Sonntag. Normalerweise gönnte sie sich am Wochenende etwas mehr Schlaf, doch nun hallte eine Talkshow durch die Wohnung. Elisabeth saß bereits geschniegelt im Wohnzimmer und verfolgte das Programm in voller Lautstärke.

Johanna schleppte sich in die Küche, um wenigstens einen Kaffee zu trinken. Kaum hatte sie die Maschine eingeschaltet, erschien die Schwiegermutter neben ihr.

„Johannchen, ich habe mir Gedanken gemacht. Bald ist Neujahr! Das muss richtig gefeiert werden. Ich lade meine Freundinnen ein, Niklas kann Kollegen mitbringen. Und Katharina Kraus von nebenan sollten wir auch einladen – die Arme ist allein. Wir decken eine große Tafel, wie früher: mit Sülze, Aspik, echtem Kartoffelsalat, nicht diese abgespeckte Variante von heute.“

Johanna blieb mit der Tasse in der Hand stehen. „Wir wollten zu zweit feiern. Ganz ruhig.“

„Ach was! Junge Leute verkriechen sich immer. Ein Fest braucht Gäste, Musik, Gelächter! Bis in die Morgenstunden wird getanzt. Alles andere ist doch langweilig. Ihr sitzt sonst da wie ein altes Ehepaar.“

In diesem Moment sah Johanna zu Niklas hinüber, der gerade aus dem Schlafzimmer kam.

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