„Dreihunderttausend“, erklärte Sabine Vogel in nüchternem Tonfall und legte damit ein Preisetikett auf das ungeborene Kind

Dieses würdelose Angebot ist moralisch empörend.
Geschichten

Die Tränen versiegten irgendwann einfach.

Draußen peitschte ein eisiger Novemberregen durch die Straßen. Innerhalb weniger Sekunden sog sich meine dünne Jacke voll Wasser. Mit pochender Wange und klammen Fingern stieg ich die Stufen zur U-Bahn hinab. In meinem Kopf hämmerte nur ein einziger Gedanke: Ich werde nicht untergehen. Trotz euch werde ich überleben.

Fast eine Stunde dauerte der Weg nach Hause. Das alte Hochhaus am Flussufer – ein wuchtiger Bau aus vergangenen Jahrzehnten – empfing mich mit dämmrigem Licht im Treppenhaus und dem vertrauten Geruch von Bohnerwachs und altem Holz. Natürlich war der Aufzug außer Betrieb. Also schleppte ich mich die vier Stockwerke zu Fuß hinauf.

Mein Vater war da. Im Wohnzimmer saß er unter der grünen Schreibtischlampe und reparierte eine antike Wanduhr. Zahnräder, Pinzette, die kleine Lupe vor dem Auge – und um ihn herum das leise, vielstimmige Ticken dutzender Werke. Es war seine Welt, präzise und kontrollierbar.

Als er meinen Schlüssel hörte, legte er das Werkzeug beiseite.

„Hannah? So früh? Ich dachte, du und Leon wolltet noch feiern …“

Der Satz blieb in der Luft hängen. Er erhob sich langsam. Sein Blick fiel auf meine Wange, auf der sich bereits deutlich die rötlichen Abdrücke fremder Finger abzeichneten.

„Papa …“ Mehr brachte ich nicht hervor. Ich sank auf den Stuhl im Flur und brach in Schluchzen aus. „Sie haben mich rausgeworfen. Leons Mutter … sie hat mich geschlagen. Mich eine Bettlerin genannt. Und dich … einen bedeutungslosen Aktenmenschen …“

Er kam nicht sofort auf mich zu. Keine Umarmung. Kein hastiges Trösten. Er stand reglos da, und etwas in seinem Gesicht veränderte sich. Die Züge verhärteten sich, seine Augen hinter den Gläsern wurden kühl und scharf.

„Sie hat dich geschlagen?“, fragte er leise.

Ich nickte. „Und Geld in meinen Suppenteller geworfen. Damit ich das Kind loswerde. Sie meinte, ich würde Leons Karriere bei der Staatsanwaltschaft ruinieren.“

Michael Hartmann nahm bedächtig seine Brille ab und legte sie auf die Kommode.

„Wasch dir zuerst das Gesicht, mein Kind. Setz Wasser auf. Aufregung ist jetzt das Letzte, was du brauchst.“ Seine Stimme war ruhig, beinahe sachlich. „Was seine Karriere betrifft … da hat man sich wohl zu weit aus dem Fenster gelehnt.“

„Papa, das sind mächtige Leute! Sie besitzt mehrere Kliniken, ihr Mann ist ein großer Bauunternehmer. Die haben überall Kontakte. Sie hat gedroht, mich fertigzumachen.“

Ein kaum merkliches Lächeln zuckte um seinen Mund.

„Kliniken? Unter anderem am Leninsplatz?“

Ich blinzelte. „Ja. Woher weißt du das?“

„Berufsbedingtes Gedächtnis.“

Er verschwand in seinem Arbeitszimmer. Kurz darauf hörte ich das leise Surren des alten Wählscheibentelefons. Keine lauten Worte, kein Zorn – nur knappe, präzise Sätze.

Mein Vater hatte drei Jahrzehnte im Justizsystem gearbeitet. Offiziell leitete er inzwischen nur noch das Archiv des Oberlandesgerichts. Inoffiziell jedoch war dieses Archiv ein sensibler Sonderbestand – Akten, die Karrieren begründeten oder beendeten. Vor seiner Pensionierung hatte er ein Gremium geführt, das über die Laufbahnen von Richtern entschied. Kaum ein Staatsanwalt der Region war ernannt worden, ohne dass sein Name zumindest einmal über den Tisch meines Vaters gegangen war. Viele erinnerten sich daran. Und einige fürchteten es bis heute.

„Guten Abend, Sebastian Krause“, drang seine Stimme gedämpft durch die Tür. „Verzeih die späte Störung. Eine persönliche Angelegenheit … Ja. Sieh dir bitte die Lizenzierung dieser Klinikgruppe und des zugehörigen Baukonzerns an. Ich möchte eine vollständige Prüfung. Brandschutz, Finanzamt, Arbeitsschutz, alles. Nein, Sebastian, es geht nicht um ein Bußgeld.“

Eine kurze Pause.

„Sie haben einen fatalen Fehler begangen.“

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