Laura hatte eine ganze Woche lang geweint. Sie war überzeugt gewesen, sie habe die Kette irgendwo selbst verloren. Und ausgerechnet du hast sie in den Arm genommen, hast ihr über das Haar gestrichen und gesagt: „Ach Kind, es ist doch nur ein Gegenstand. Hauptsache, du bist gesund.“
„Ich wollte sie zurückholen!“, rief Maria Otto plötzlich, ihre Stimme überschlug sich. Sie spürte, wie ihr die Situation entglitt. „Ich brauchte dringend Geld! Mit meinen Zähnen gab es Probleme, und in diese staatliche Klinik setze ich keinen Fuß! Ich hätte das Schmuckstück wieder ausgelöst, das schwöre ich!“
Daniel Stein sah sie fest an. „Von dem Geld hast du dir eine Kurreise bezahlt, Mama. Die Buchungsbestätigung lag offen auf dem Tisch. Ich habe sie gesehen.“
„Na und?“ Jetzt schrie sie beinahe. „Ja, ich bin gefahren! Ich bin deine Mutter, ich habe mir Erholung verdient! Bei euch liegt doch genug Schmuck herum, davon geht ihr nicht bankrott. Es war doch nur ein Ding aus Metall!“
„Es war das Andenken an meinen Vater“, sagte Laura kaum hörbar. „Sein Tod hat uns fast zerbrochen.“
Daniel betrachtete seine Mutter mit einem Blick, der kälter war als alles zuvor. Es war, als stünde eine Fremde vor ihm.
„Geh bitte“, sagte er schließlich.
„Du wirfst mich hinaus? Deine eigene Mutter? Wegen so einer Kleinigkeit?“
„Nicht wegen der Kette“, entgegnete er ruhig. „Wegen der Lügen. Und weil ich begreife, dass wir dir nie wirklich etwas bedeutet haben. Du hast uns benutzt.“
„Dann bleibt doch unter euch!“, fauchte Maria, griff hastig nach ihrer Handtasche und verfehlte vor Aufregung mehrmals die Henkel. „Kommt ja nicht angekrochen, wenn ihr mich irgendwann braucht!“
Die Haustür knallte hinter ihr. Draußen zitterten ihre Finger, als sie ein Taxi rufen wollte. Doch die App meldete: unzureichendes Guthaben. Also stapfte sie zur Bushaltestelle. Der Wind schnitt ihr ins Gesicht, und in ihrem Kopf hämmerte nur ein Gedanke: Sie werden es bereuen. Ganz bestimmt.
Sie bereuten nichts. Und sie meldeten sich nicht.
Im ersten Monat hielt Maria sich an ihrem Groll fest wie an einem Geländer. Vom Rest ihrer Rente kaufte sie sich demonstrativ Törtchen, spazierte mit erhobenem Kinn an Daniels Haus vorbei, als ginge sie das alles nichts an.
Dann war das Geld aufgebraucht.
Der Kühlschrank blieb leer. Erstaunt stellte sie fest, wie teuer selbst ein Stück Käse geworden war und dass die Nebenkosten beinahe die Hälfte ihrer Rente verschlangen. Also landeten nur noch die billigsten Nudeln und Hühnerknochen für eine dünne Suppe im Einkaufskorb.
In der Wohnung herrschte eine Stille, die drückte. Früher hatte sie sich über jeden Anruf der Schwiegertochter geärgert. Nun blieb das Telefon tagelang stumm. Nur automatische Stimmen meldeten sich.
„Ihnen wurde ein Kredit bewilligt …“
„Lasst mich in Ruhe!“, schrie sie ins Telefon und warf es wütend auf das Sofa, nur um kurz darauf in Tränen auszubrechen.
Im dritten Monat ging der Reißverschluss ihrer Winterstiefel kaputt. Der Preis in der Reparaturwerkstatt ließ ihr schwindlig werden.
„Das ist doch eine Sache von Minuten!“, protestierte sie.
„Dann machen Sie es selbst“, brummte der Schuster.
Zu Hause zog sie einen alten Koffer vom Schrank. Darin lag ihre Nähmaschine – schwer, aus Metall, zuverlässig. Als Daniel noch ein Kind gewesen war, hatte sie halbe Nachbarschaften mit genähten Kleidern versorgt.
Mit unbeholfenen Fingern fädelte sie Garn ein. Die Hände, die so lange nichts gearbeitet hatten, bebten. Den ganzen Abend mühte sie sich mit dem Stiefel ab, stach sich mehrfach, zerbrach zwei Nadeln – aber am Ende hielt der Verschluss wieder.
Am nächsten Morgen überwand sie ihren Stolz und befestigte im Hausflur einen Zettel: „Änderungen und Reparaturen. Günstig. Wohnung 15.“
Die Erste, die klingelte, war eine junge Studentin aus dem Nachbarhaus.
„Frau Otto, meine Jeans ist gerissen …“
