Der Geldautomat spuckte die Karte mit einem schrillen, unangenehmen Piepton wieder aus. Statt der gewohnten Aufforderung, das Bargeld zu entnehmen, leuchtete auf dem Display eine rote Meldung: Transaktion abgelehnt.
Maria Otto blinzelte irritiert. Sie rückte ihre Pelzmütze zurecht, die ihr plötzlich viel zu warm und drückend erschien. Das musste ein Irrtum sein. Ganz bestimmt. Heute war der Sechzehnte – der Tag, an dem ihre Schwiegertochter das Geld überwies. Offiziell nannte Laura es „Unterstützung“, doch Maria war längst überzeugt, dass es sich um eine selbstverständliche Gegenleistung handelte. Schließlich hatte sie Daniel Stein großgezogen.
Mit einem angespannten Seufzer schob sie die Karte erneut in den Schlitz. Ihre behandschuhten Finger glitten fahrig über die Tasten.
Nicht genügend Guthaben.
Hinter ihr erklang ein genervtes Räuspern.

— Entschuldigung, dauert das noch lange? Hier warten noch andere!
Maria fuhr herum und fixierte den jungen Mann im Kapuzenpulli mit einem strengen Blick.
— Ein wenig Geduld werden Sie wohl haben! Das Gerät spinnt.
Sie trat zur Seite, stellte sich vor das Schaufenster eines Geschäfts und zog ihr Handy hervor. Es klingelte – einmal, zweimal, mehrmals. Niemand ging ran. Weder Laura noch Daniel.
— Na wartet nur, — zischte sie und spürte, wie sich die Kränkung in ihr hochschaukelte. — Unerreichbar seid ihr also? Ausgerechnet heute habe ich meinen Maniküre-Termin, und ihr bringt alles durcheinander!
Vierzig Minuten später stand sie vor der Wohnung ihres Sohnes. Das letzte Bargeld hatte sie für das Taxi ausgegeben. Während der Fahrt hatte sie sich immer weiter in Rage gedacht, sich ausgemalt, wie sie zur Tür hereinstürmen und Klartext reden würde. Laura würde sich rechtfertigen müssen, Daniel betreten zu Boden schauen. Bestimmt hatten sie es schlicht vergessen. Junge Leute, flatterhaft und unzuverlässig. Aber sie würde sie schon daran erinnern.
Die Tür öffnete Laura.
Maria holte tief Luft, bereit für eine Standpauke – doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Ihre Schwiegertochter sah erschreckend schlecht aus. Die sonst so gepflegte Laura trug ein ausgeleiertes T‑Shirt ihres Mannes, das Haar hastig zu einem wirren Knoten gebunden. Ihr Gesicht war eingefallen, die Haut fahl.
— Sie? — Ihre Stimme klang rau und brüchig. — Anrufen wäre eine Möglichkeit gewesen.
— Ich habe angerufen! — Maria trat entschlossen über die Schwelle und schob Laura leicht zur Seite. Statt Kaffeeduft empfing sie ein Gemisch aus Medikamenten und abgestandener Luft. — Ihr ignoriert mich beide. Was soll das? Warum ist kein Geld auf der Karte? Ich stand im Laden da wie eine Idiotin!
— Kommen Sie in die Küche, — sagte Laura leise und schloss die Tür. — Daniel kommt gleich.
In der Küche herrschte Chaos. Auf dem Tisch stapelten sich schmutzige Tassen, lose Unterlagen und mehrere Medikamentenschachteln. Maria wischte angewidert ein paar Krümel vom Stuhl und setzte sich, ohne ihren Mantel auszuziehen.
— Also? Ich habe noch etwas vor heute.
Laura ließ sich ihr gegenüber auf einen Hocker sinken. Sie wirkte völlig erschöpft.
— Es wird keine Überweisungen mehr geben, Maria Otto.
— Wie bitte? — Ein nervöses Lachen entfuhr ihr. — Soll das ein Scherz sein? Wirklich nicht komisch.
— Ich habe gekündigt. Vor einer Woche.
— Du hast was? Deinen Job aufgegeben? Bist du verrückt geworden? Ihr habt einen Kredit abzuzahlen, euer Sohn kommt bald in die Schule! Soll Daniel jetzt allein alles stemmen?
— Daniel weiß Bescheid. Wir haben das gemeinsam entschieden. Der Arzt hat sehr deutliche Worte gefunden.
