„Den Rest kommentiere ich nicht.“
„Aus welchem Grund widersprechen Sie den Behauptungen Ihres Mannes dann nicht?“, hakte der Richter nach.
„Weil ich es für überflüssig halte“, erwiderte Anna ruhig.
Im Zuschauerbereich tauschten Alexander Simons Verwandte vielsagende Blicke aus. Johanna Lange konnte sich ein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen – alles verlief exakt nach Plan. Keine Gegenwehr, keine Forderung nach Unterhalt, kein Wort über Vermögensaufteilung.
„Gut“, schloss der Richter. „Der nächste Termin findet am 27. Oktober statt. Bis dahin reichen Sie bitte sämtliche erforderlichen Unterlagen ein.“
Kaum hatten sie den Saal verlassen, klopfte Alexander sich innerlich auf die Schulter. „Habt ihr gesehen, wie reibungslos das lief?“, sagte er triumphierend zu seiner Mutter und Johanna. „Anna hat nicht einmal versucht, Ansprüche zu stellen. Sie weiß genau, dass sie ohne mich nichts ist.“
„Du handelst richtig, Alexander“, bestätigte Elisa Schwarz mit Genugtuung. „Jetzt kannst du dir endlich eine Frau suchen, die deinem Niveau entspricht.“
„Eben“, ergänzte Johanna. „Immerhin klammert sie sich nicht an dich fest. Das spricht fast für sie.“
Währenddessen saß Anna zu Hause am Esstisch. Vor ihr lag eine geöffnete Mappe, in der sie sorgfältig mehrere Dokumente ordnete. Nach einem Moment griff sie zum Telefon und wählte eine Nummer.
„Frau Möller? Hier spricht Anna Lehmann. Sie sagten vor einem halben Jahr, ich solle mich melden, sobald ich eine Entscheidung getroffen habe.“
„Natürlich erinnere ich mich“, antwortete die Notarin mit sachlicher Stimme. „Was ist passiert?“
„Mein Mann hat die Scheidung eingereicht. Morgen steht der nächste Termin an. Können wir uns vorher treffen?“
„Kommen Sie um zehn Uhr in mein Büro.“
Am folgenden Vormittag nahm Anna im Büro der Notarin Platz. Mathilda Möller, eine Frau Mitte fünfzig mit strengem Dutt und makellosem Hosenanzug, wirkte wie die Verkörperung von Ordnung und Präzision.
„Was hat sich seit unserem letzten Gespräch verändert?“, fragte sie.
„Die Scheidung ist nun offiziell anhängig. Morgen wird erneut verhandelt.“
„Dann dürfen wir keine Zeit verlieren. Haben Sie alle Unterlagen mitgebracht?“
Anna schob ihr die Mappe über den Tisch. „Vollständig.“
Die Notarin prüfte jedes Blatt aufmerksam, machte sich Notizen und sah schließlich auf. „Sind Sie sicher, dass diese Angelegenheit bis zum rechtskräftigen Abschluss der Scheidung vertraulich bleiben soll?“
„Absolut“, sagte Anna mit fester Stimme. „Alexander soll erst dann erfahren, womit er es zu tun hat.“
„Wie Sie wünschen. Wir unterzeichnen alles, und in sechs Monaten ist der Vorgang vollständig abgeschlossen.“
Wieder zu Hause legte Anna die Papiere sorgfältig zurück. Der nächste Tag würde der entscheidende sein.
Am Abend klingelte ihr Telefon. Johanna.
„Anna, sag mal, du wirst doch wirklich keine Forderungen gegen Alexander erheben?“
„Nein.“
„Gut. Wir hatten schon befürchtet, du änderst im letzten Moment deine Meinung.“
„Keine Sorge. Es wird alles korrekt ablaufen.“
„Na dann, bis morgen.“
Nachdem sie aufgelegt hatte, huschte ein kaum merkliches Lächeln über Annas Gesicht. Morgen würde Johanna begreifen, was „korrekt“ in diesem Fall bedeutete.
Am 27. Oktober versammelten sich alle Beteiligten erneut im Gerichtssaal. Alexander wirkte entspannt, scherzte sogar leise mit seinen Angehörigen. Anna saß still auf ihrem Platz, die Mappe neben sich.
„Verhandelt wird die Scheidung zwischen Alexander Simon und Anna Lehmann“, eröffnete der Richter.
Alexander erhob sich. „Wir sind übereingekommen, die Ehe endgültig zu beenden. Gegenseitige Ansprüche bestehen nicht.“
„Frau Lehmann, bestätigen Sie das?“
„Ich bestätige, dass ich geschieden werden möchte“, sagte Anna ruhig. „Allerdings habe ich eine Frage bezüglich der Vermögensverhältnisse.“
Alexander fuhr herum. Damit hatte er nicht gerechnet. „Welches Vermögen?“, entgegnete er scharf. „Du besitzt doch nichts.“
„Doch“, erwiderte Anna gelassen und zog mehrere Dokumente hervor. „Ich habe geerbt. Von meiner Tante Mathilda Möller.“
Im Saal wurde es schlagartig still. Elisa Schwarz beugte sich vor, Johanna starrte Anna fassungslos an.
„Geerbt?“, flüsterte Alexander.
„Meine Tante ist vor sechs Monaten verstorben. Sie hat mir ihre Eigentumswohnung in der Berliner Innenstadt, ein Ferienhaus am Stadtrand sowie ein beträchtliches Bankguthaben hinterlassen. Die entsprechenden Nachweise liegen hier.“
Der Richter nahm die Unterlagen entgegen und überflog sie sorgfältig. „Vermögen, das durch Erbschaft erworben wurde, fällt nicht in den Zugewinnausgleich und bleibt alleiniges Eigentum der Erbin“, stellte er klar.
Alexander starrte auf die Papiere, während ihm sichtbar die Farbe aus dem Gesicht wich.
