„Du hast unsere Wohnung wegen deiner Mutter verkauft? Dann leb eben ohne Ehefrau und ohne Zuhause!“ schrie sie und packte ihren Koffer, um zu gehen

Diese schmerzliche Gleichgültigkeit ist zutiefst verletzend.
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„Aber eins steht fest“, fügte sie ruhig hinzu, „zu deiner Mutter werde ich ganz sicher nicht gehen.“

Maximilian sagte zunächst nichts. Dann sprang er abrupt auf, trat dicht vor sie.

„Meinst du das ernst? Wegen einer Wohnung? Dafür willst du alles hinschmeißen?“

Emma musterte ihn lange. In diesem Moment kam er ihr fremd vor. Der Mann, den sie einmal geliebt hatte, schien verschwunden. Vor ihr stand nur noch der gehorsame Sohn, bereit, für einen einzigen Anruf seiner Mutter jede Grenze zu überschreiten.

„Es geht nicht um die Wohnung, Maximilian“, erwiderte sie leise. „Es geht darum, dass ich in deinem Leben keine Rolle spiele. Meine Meinung zählt nicht. Du hast nicht einmal darüber nachgedacht, wie es mir damit geht. Du hast entschieden, was für dich am bequemsten ist – und ich sollte einfach funktionieren.“

„Du übertreibst maßlos.“

„Nein“, sagte sie gefasst. „Ich habe nur endlich verstanden, welchen Platz ich habe. Und der ist nicht an deiner Seite.“

Sie weinte nicht. Dafür hatte sie zu lange geweint. Zurück blieb lediglich dieses bittere Gefühl, sich an etwas festzuklammern, das längst zerbrochen war – wie jemand, der noch immer das Geländer eines Zuges umklammert, der schon abgefahren ist.

Maximilian ließ sich wieder auf das Sofa fallen. Er machte keine Anstalten, sie aufzuhalten.

Emma ging ins Schlafzimmer. Der Koffer stand bereits halb gepackt neben dem Bett. Tief in ihrem Inneren hatte sie gewusst, dass dieser Tag kommen würde – sie hatte nur gehofft, er läge in ferner Zukunft. Oder würde nie eintreten.

Sie hatte kein Ziel. Doch zu bleiben fühlte sich unerträglicher an als jede Ungewissheit.

Später saß sie in einem kleinen Café nahe einer U-Bahn-Station und starrte in ihre Tasse. Weder Geschmack noch Duft des Kaffees drangen zu ihr durch. Luna Wolf setzte sich wortlos zu ihr. Keine neugierigen Fragen, kein Drängen.

„Kann ich ein paar Tage bei dir unterkommen?“, fragte Emma schließlich. „Ich brauche Zeit, um klarzukommen. Ich will nicht irgendwann denken, ich hätte im Affekt gehandelt.“

Luna lächelte schief. „Im Affekt hast nicht du gehandelt. Er ist gegangen – nur eben innerlich schon viel früher. Du hast es nur später begriffen.“

Emma nickte müde.

Eine Stunde darauf stand sie in Lunas kleiner Einzimmerwohnung. Der Geruch von Waschmittel mischte sich mit Parfüm und einem Hauch Katzenhaar. In dieser Nacht fand sie kaum Schlaf. Bilder zogen an ihr vorbei: Maximilian, Christina Möller, sie selbst – als sähe sie eine alte Aufnahme ihres eigenen Lebens. Wie sie lachend die Schlafzimmerwand blau strich. Wie sie jeden Euro zur Seite legte, um neue Möbel zu kaufen. Wie sie die Lieferung entgegennahm und stolz unterschrieb. Alles, wofür sie gearbeitet hatte, fühlte sich plötzlich fremd an.

Christina Möller hingegen hatte klare Vorstellungen. Mehrmals täglich rief sie ihren Sohn an, verlangte Auskunft, wollte wissen, wann der restliche Betrag eintreffe. Ihr Haus war bereits zur Zwangsversteigerung vorgemerkt. Vor einigen Wochen hatten Gerichtsvollzieher an ihre Tür geklopft, während die Nachbarin Lea Baumann so tat, als sei niemand zuhause. Die Schulden beliefen sich auf fast eine Million Euro. Christina behauptete, sie habe das Geld einem Verwandten für die Eröffnung eines Cafés geliehen. Der Mann war verschwunden. Kein Vertrag, nur ein hastig unterschriebener Zettel.

„Du verstehst doch“, jammerte sie am Telefon, „ohne dich bin ich verloren. Dieses Haus ist alles, was ich habe. Es ist dein Elternhaus! Hier habe ich dich großgezogen. Willst du wirklich zulassen, dass man mich auf die Straße setzt?“

Maximilian verstand sie. Er hatte Angst. Er schämte sich. Und es zerriss ihn, weil er sich entscheiden musste – zwischen der Frau, die ihm das Leben geschenkt hatte, und der Frau, mit der er dieses Leben aufgebaut hatte.

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