„Du hast unsere Wohnung wegen deiner Mutter verkauft? Dann leb eben ohne Ehefrau und ohne Zuhause!“ schrie ich meinen Mann an und ging ins Schlafzimmer, um den Koffer hervorzuholen.
Als Emma Meier die Wohnung betrat, schlug ihr abgestandener Rauchgeruch entgegen. Im Flur war es dunkel – die Glühbirne, die Maximilian Lange seit über einer Woche austauschen wollte, hing noch immer nutzlos in der Fassung. Tastend suchte sie den Schalter der Stehlampe im Wohnzimmer. Im matten Licht erkannte sie ihn auf dem Sofa: zusammengesunken, mit fahlem Gesicht und leerem Blick, als hätte er gar nicht bemerkt, dass sie seit Tagen kaum ein Wort miteinander wechselten.
„Hast du etwas gegessen?“ fragte sie leise und streifte ihre Jacke ab.
Er nickte kaum merklich, sah jedoch weiter auf den Boden. Emma wusste, dass das nicht stimmte. In letzter Zeit log er ständig – wegen Kleinigkeiten. Nicht einmal die Unwahrheit selbst verletzte sie am meisten, sondern die Gleichgültigkeit, mit der er sie aussprach. Früher wäre er laut geworden, hätte diskutiert, sich verteidigt. Jetzt war da nur noch Schweigen.
In der Küche herrschte gähnende Leere. Im Kühlschrank standen ein Glas Senf, etwas Buchweizen vom Vortag und eine halbvolle Flasche Sojasoße. Als sie die Schranktüren öffnete, traf sie die Erkenntnis wie ein Schlag: Fast alles, was sie für die Woche eingekauft hatte, war verschwunden. Sogar der Tee. Er hatte also doch gegessen – nur eben nicht hier.

„Wo sind die Lebensmittel geblieben?“ Ihre Stimme bebte, als sie ins Wohnzimmer zurückkehrte. „Ich habe für eine ganze Woche eingekauft. Es ist nichts mehr da. Schon wieder.“
Maximilian stieß die Luft aus, als sei er derjenige, der erschöpft war.
„Ich habe die Sachen zu meiner Mutter gebracht. Du weißt doch, dass sie kaum noch etwas hat.“
Ein Lächeln huschte über Emmas Lippen, doch ihre Augen blieben kalt.
„Jetzt haben wir auch nichts mehr. Ist dir das klar?“
„Das ist nur vorübergehend“, murmelte er. „Ich habe alles geregelt. Bald ist das Problem gelöst.“
Sie trat näher an ihn heran. „Was genau heißt das – gelöst?“
Er zögerte keine Sekunde. „Ich habe die Wohnung verkauft. Das Geld ist bereits überwiesen. In zwei Wochen müssen wir raus. So können wir das Haus meiner Mutter retten. Und wir ziehen erst einmal zu ihr, Platz ist genug da. Später kaufen wir uns etwas Neues. Zusammen. Es wird schon gutgehen.“
Für einen Moment bekam Emma kaum Luft. Langsam setzte sie sich, aus Angst, sonst die Beherrschung zu verlieren.
„Du hast mich also nicht einmal informiert. Du hast einfach entschieden. Unsere Wohnung verkauft. Den Ort, an dem wir leben. Den ich von meinem eigenen Geld renoviert habe. Den…“
„Rein rechtlich gehört sie mir“, fiel er ihr scharf ins Wort. „Fang nicht wieder damit an! Dir geht es doch nur um diese vier Wände! Aber sie ist meine Mutter! Sie steckt in Schwierigkeiten! Sie hat mich allein großgezogen, vergiss das nicht. Jetzt braucht sie Hilfe. Wen hätte ich denn sonst unterstützen sollen?“
Natürlich. Immer dasselbe Argument.
Emma stand auf. Jede weitere Diskussion war sinnlos. Sie hatten dieses Gespräch in zahllosen Varianten geführt – laut, leise, mit Vorwürfen oder in bitterem Schweigen. Und stets drehte sich alles um Christina Möller.
Bilder schossen ihr durch den Kopf: wie sie die Bettwäsche ihrer Schwiegermutter wusch, als diese „nur für ein paar Tage“ bleiben wollte und schließlich Wochen blieb. Wie man sie als verwöhnt bezeichnete, weil sie mehr verdiente als ihr Mann. Wie empört Christina Möller reagierte, sobald Emma es wagte, eine eigene Meinung zu äußern. Und wie Maximilian jedes Mal beschwichtigte: „Halte noch etwas durch. Es ist bald vorbei.“
Doch vorbei war es nie.
„Ich gehe“, sagte Emma schließlich.
Er hob den Kopf. „Wohin willst du?“
Sie sah ihn lange an. „Ich weiß es noch nicht.“
