„…lief alles schief“, seufzte Sabine Krause theatralisch. „Die Handwerker kamen zu spät, dann hatten sie die falschen Materialien dabei. Es ist wirklich wie verhext. Wir müssen wohl noch eine Weile bei euch bleiben.“
„Wie lange genau?“, fragte Sophie Walter leise, ohne den Blick zu heben.
„Ach, zwei, vielleicht drei Monate höchstens“, winkte Sabine unbekümmert ab. „Wo ist denn das Problem? Wir fallen euch doch gar nicht zur Last!“
Sophie spürte, wie sich ihre Finger unwillkürlich zur Faust ballten. Noch zwei oder drei Monate? Sollte dieses Gefühl der Fremdbestimmung tatsächlich so lange weitergehen?
Plötzlich wechselte Sabine den Tonfall, setzte ein süßliches Lächeln auf und wandte sich an ihren Sohn. „Mein lieber Elias, vielleicht sollten wir die Renovierung gar nicht überstürzen.“
Sie machte eine bedeutungsvolle Pause. „Wir könnten unsere Wohnung verkaufen und einfach hier zusammenziehen. Platz ist doch genug vorhanden. Dann wären wir alle unter einem Dach.“
Sophie erstarrte.
„Das ist genial, Mama!“, rief Elias Baumann begeistert. „Was meinst du, Sophie? Für dich allein ist das doch alles viel zu viel. Wir könnten dich unterstützen!“
Langsam hob sie den Kopf und sah ihn an. „Unterstützen? Wobei genau?“
„Na hör mal“, mischte sich Christian Köhler ein. „Junge Leute brauchen Rückhalt. Und wenn irgendwann Kinder kommen, stehen wir selbstverständlich bereit.“
Sophie ließ sich auf einen Stuhl sinken. Es fühlte sich an, als läge ein unsichtbares Gewicht auf ihrer Brust. Wann war ihr Leben in eine derart absurde Richtung geraten? Seit wann war sie nur noch Gast in den eigenen vier Wänden?
„Nein“, sagte sie schließlich fest.
„Wie bitte?“ Sabine drehte sich abrupt zu ihr um.
„Ich sagte: nein.“ Sophie rang um Beherrschung. „Das hier ist meine Wohnung. Und ich werde ganz sicher nicht—“
„Deine Wohnung?“ Sabine verzog spöttisch das Gesicht. „Und was ist mit der Familie? Elias, hörst du, wie deine Frau redet?“
Elias runzelte die Stirn. „Sophie, warum stellst du dich so an? Mama hat doch recht. Gemeinsam zu leben wäre doch viel unkomplizierter.“
„Unkompliziert?“ Sophie stand auf. „Du nennst es unkompliziert, ständig kontrolliert zu werden? Mir vorschreiben zu lassen, was ich in meinem eigenen Zuhause zu tun habe?“
„Kontrolliert? Wir sind doch keine Fremden!“, empörte sich Sabine.
„Und das gibt euch das Recht, über mein Eigentum zu bestimmen?“ Sophies Stimme bebte nun offen vor Zorn.
Elias sprang auf. „Hör auf, so mit meiner Mutter zu sprechen! Früher warst du nicht so…“
Sophie atmete tief durch, schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. „Ja, früher war ich anders. Bevor mir klar wurde, dass hier jede Grenze überschritten wird.“
Sabine schlug die Hände zusammen. „Elias, sag doch etwas!“
Sein Blick wanderte unsicher zwischen Mutter und Ehefrau hin und her. Doch in Sophie war längst eine Entscheidung gereift.
„Sophie, wir können das doch in Ruhe klären—“
„Nein, Elias.“ Sie richtete sich auf, obwohl ihre Augen brannten. „Es reicht. Anderthalb Monate habe ich geschwiegen. Ich habe zugesehen, wie meine Küche umgeräumt wurde, wie meine Sachen verschwanden, wie mir in meinem eigenen Zuhause Vorschriften gemacht wurden.“
„Wir wollten doch nur helfen“, warf Christian ein, fast beschwichtigend. „Ein bisschen Ordnung schaffen…“
„Ordnung?“ Sophie fuhr zu ihm herum, als hätte er etwas Ungeheuerliches gesagt. „Wer hat Sie darum gebeten? Das hier ist mein Zuhause. Und hier gelten meine Regeln.“
„Unfassbar, wie respektlos“, presste Sabine hervor, ihr Gesicht vor Empörung bleich. „Elias, willst du dir das wirklich gefallen lassen?“
In Sophie breitete sich eine seltsame Leere aus, als sei alle Kraft plötzlich verpufft. Wie lange sollte dieses Schauspiel noch weitergehen? Wie oft noch sollte sie sich selbst zurücknehmen?
„Gehen Sie“, sagte sie schließlich leise – doch mit einer Klarheit, die den Raum erstarren ließ.
„Wie bitte?“ Sabine hielt mitten in der Bewegung inne, den Löffel noch in der Hand, als könne sie nicht glauben, was sie gerade gehört hatte.
