…ich kann sie nicht gehen lassen.“
Julia Roth klappte das Heft langsam zu. Im dunklen Wohnzimmer blieb sie reglos sitzen. Drei Wochen lang war keine Träne über ihr Gesicht gelaufen – nun brach alles aus ihr heraus. Nicht aus gekränktem Stolz. Sondern aus der bitteren Erkenntnis, dass die Wahrheit komplizierter war, als sie es ertragen wollte. Markus Peters war kein gewissenloser Betrüger gewesen, der ein Doppelleben aus Vergnügen führte. Er war ein Mann, der sich verstrickt hatte – und keinen Mut fand, einen klaren Schnitt zu machen.
Vier Tage später standen Elisabeth Winter und Sandra Walter vor ihrer Tür. Selbstsicher, geschniegelt, mit einer Mappe unter dem Arm.
„Unterschreib das“, sagte Sandra und ließ die Klageschrift auf den Tisch fallen. „Wir fechten das Testament an. Die Zeugen stehen bereit. Unser Anwalt ist überzeugt, dass wir gewinnen.“
Elisabeth tippte mit dem Fingernagel auf das Papier. „Mach kein Theater mehr. Dann ist dieser Spuk endlich vorbei.“
Julia nahm den Kugelschreiber. Überflog die ersten Zeilen. Legte ihn wieder ab. Wortlos zog sie eine kleine USB-Stick aus der Schublade.
„Aufnahmen aus Markus’ Arbeitszimmer“, erklärte sie ruhig. „Er hat dort Kameras installieren lassen. Man sieht, wie er das Testament aufsetzt. Wie er mit dem Notar spricht. Er war vollkommen klar im Kopf. Und hier ist sein Tagebuch. Darin steht, warum er sich so entschieden hat – warum alles an Clara Fuchs gehen sollte.“
Elisabeth griff hastig nach dem Stick, doch Julia entzog ihn ihr.
„Das ist nur eine Kopie. Das Original liegt beim Notar.“
„Was soll das heißen?!“ Sandra sprang auf. „Willst du wirklich auf das Geld verzichten? Auf alles?“
Julia erhob sich langsam. „Ich werde vor Gericht aussagen. Für die Verteidigung. Ich bestätige, dass Markus aus freiem Willen gehandelt hat. Dass er wusste, was er tat. Und dass ihr versucht, das Gericht mit gekauften Zeugen zu täuschen.“
Die Stille im Raum war so dicht, dass draußen ein vorbeifahrendes Auto wie ein Donnerschlag klang.
„Du beschmutzt sein Andenken“, zischte Elisabeth, das Gesicht kreidebleich. „Du verrätst die Familie. Ich wünsche dir, dass du allein endest. Ohne einen Cent. Und dass du es bereust.“
Julia antwortete leise: „Allein bin ich seit dem Tag, an dem er gestorben ist. Und bereuen werde ich nur, dass ich nie den ganzen Menschen gekannt habe.“
Elisabeth drehte sich abrupt um. Sandra folgte ihr, noch im Hinausgehen rufend: „Wir klagen trotzdem! Auch ohne dich!“
„Tut das“, entgegnete Julia. „Und verliert. Wenn der Richter von euren falschen Zeugen erfährt, dürfte es ungemütlich werden.“
Die Tür fiel ins Schloss.
Zwei Monate später reiste Clara Fuchs zur Operation. Julia half beim Zusammenstellen der Unterlagen, telefonierte mit der Klinik, kümmerte sich um Formalitäten. Finn Köhler und Emily Gross blieben in dieser Zeit bei ihrer Großmutter. Einmal pro Woche kam Julia vorbei, brachte Einkäufe mit und setzte sich mit ihnen an die Hausaufgaben.
Elisabeth reichte tatsächlich Klage ein. Doch das Verfahren dauerte kaum länger als eine Sitzung. Julia sagte aus, legte die Videoaufnahmen vor, übergab das Tagebuch. Der Anwalt der Gegenseite versuchte Druck aufzubauen, geriet jedoch ins Stocken, als der Richter gezielt nach den „Zeugen“ fragte. Sandra verstrickte sich in Widersprüche. Am Ende wurde die Klage abgewiesen – verbunden mit einer deutlichen Ermahnung wegen des Versuchs, das Gericht in die Irre zu führen.
Nach der Verhandlung verließ Elisabeth den Saal, ohne Julia auch nur eines Blickes zu würdigen. Sandra stapfte hinterher, laut schimpfend. Doch beiden war klar, dass sie gescheitert waren. Und bald würde sich in der Stadt herumsprechen, wie sie versucht hatten, einer schwerkranken Frau mit zwei Kindern das Erbe zu entreißen.
