In Elisabeth Winters Zügen regte sich nichts. Die Lippen waren schmal aufeinandergepresst, die Miene hart wie gemeißelt. Kein Anflug von Trauer war darin zu erkennen – nur kalte Berechnung.
„Ich werde darüber nachdenken“, erwiderte Julia schließlich.
„Nachdenken?“ Elisabeth schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Es gibt nichts zu überlegen! In einer Woche reichen wir Klage ein. Und du stehst an unserer Seite. Ist das klar?“
Julia antwortete nicht. Sie öffnete lediglich die Haustür und blieb reglos stehen, bis die beiden Frauen das Haus verlassen hatten.
Auf der Schwelle drehte sich Elisabeth noch einmal um. „Wenn du uns in den Rücken fällst, vergesse ich dir das nie“, sagte sie leise, aber mit einer Schärfe, die lange nachhallte.
Das Haus hinter dem Kirschgarten wirkte verlassen, als hätte es schon bessere Zeiten gesehen. Die Fensterläden blätterten ab, das Dach neigte sich leicht zur Seite. Julia drückte das quietschende Gartentor auf. Im Hof hing eine alte Reifenschaukel, daneben stand ein verwitterter Plastiktisch, dessen Farbe von der Sonne ausgebleicht war. Sie klopfte.
Eine Frau öffnete. So schmal, dass sie beinahe zerbrechlich wirkte. Das Haar war achtlos mit einem Gummi zurückgebunden, unter den Augen lagen dunkle Schatten. Als sie Julia erblickte, huschte Erkenntnis über ihr Gesicht.
„Sie sind seine Ehefrau.“
„Ja.“
Einen Moment lang musterten sie einander schweigend. Julia hatte mit einer selbstbewussten Rivalin gerechnet, mit Trotz oder Überheblichkeit. Stattdessen stand vor ihr jemand, der aussah, als trüge er die Last der Welt auf den Schultern.
„Kommen Sie bitte herein“, sagte Clara Fuchs leise und trat zur Seite.
Drinnen roch es nach Medikamenten und gekochtem Getreide. Auf dem Sofa saßen zwei Kinder – ein Junge von etwa zwölf Jahren und ein jüngeres Mädchen. Als der Junge aufblickte, stockte Julia der Atem. Diese Augen, diese Gesichtszüge – sie waren Markus wie aus dem Gesicht geschnitten, so wie er vor zwanzig Jahren ausgesehen hatte.
„Er hat mir erzählt, Sie seien geschieden“, begann Clara und ließ sich schwer auf einen Stuhl sinken. „Vor drei Jahren. Ich habe ihm geglaubt. Ich arbeitete in der Verpackungshalle, er kam regelmäßig zur Kontrolle der Schichten. Wir kamen ins Gespräch. Er war aufmerksam, hilfsbereit. Als ich krank wurde, kümmerte er sich um Termine bei Ärzten. Und irgendwann… habe ich Gefühle entwickelt. Ich dachte, es ginge ihm genauso. Ich dachte, wir wären eine Familie.“
Ihre Hände verkrampften sich ineinander. Julia setzte sich ihr gegenüber.
„Wann erfuhren Sie die Wahrheit?“
„Nach seinem Tod.“ Claras Blick hob sich, voller Scham. „Der Notar rief an. Ich konnte es nicht fassen. Ich schwöre Ihnen, ich wusste nichts.“
Der Junge stand auf und trat näher. Seine Stimme war ruhig, aber fest.
„Werden Sie alles vor Gericht zurückfordern? Mama braucht eine Operation. Ohne sie…“ Er schluckte. „Ohne sie schafft sie es vielleicht nicht bis zum Sommer. Die Klinik ist in der Hauptstadt. Wenn Sie klagen, dauert alles zu lange.“
Julia brachte kein Wort hervor. Sie war gekommen, um einer Feindin ins Gesicht zu sehen. Stattdessen begegnete sie einer getäuschten Frau – und zwei Kindern, die nichts weiter wollten, als ihre Mutter zu behalten.
„Ich brauche Zeit“, sagte sie schließlich heiser.
Als sie ging, rief Clara ihr nach: „Ich würde auf alles verzichten. Wirklich. Aber ich habe kein Geld für die Behandlung. Nur meine Kinder. Und ich will nicht, dass sie ohne mich aufwachsen.“
In dieser Nacht durchsuchte Julia Markus’ Sachen. Zwischen alten Unterlagen fand sie seinen Terminplaner, den er vor einem halben Jahr vergessen hatte. Sie blätterte darin – und blieb an einer Seite hängen.
„Wie sage ich es Julia? Sie hat mir ihr ganzes Leben geschenkt. Und ich habe mich entzwei gerissen. Clara und die Kinder brauchen mich. Aber auch Julia kann ich nicht verletzen. Wie ist es so weit gekommen, dass ich mich nicht entscheiden kann?“
Darunter, in kleinerer Schrift:
„Clara wird schwächer. Die Ärzte sprechen von sechs Monaten, vielleicht weniger. Die Operation ist die letzte Hoffnung. Ich habe Angst. Ich schäme mich. Aber ich“
