„Achtzig Prozent seines Unternehmens sowie sämtliche Ersparnisse gehen an Clara Fuchs“ — die Witwe erfährt fassungslos vom geänderten Testament

Grausam ungerecht, diese kalte, herzbrechende Entscheidung.
Geschichten

M-ICE8
„Elisabeth Winter, ich muss Sie bitten, den Raum zu verlassen“, erklärte der Notar kühl, klappte die Mappe mit einem entschiedenen Geräusch zu und sah sie so auffordernd an, als stünde sie bereits auf dem Flur. „Das Testament von Markus Peters darf ausschließlich im Beisein seiner Ehefrau verlesen werden.“

Die Schwiegermutter erstarrte, der Mund halb geöffnet. Ihre Tochter Sandra Walter machte einen Schritt nach vorn, doch Elisabeth Winter fuhr dazwischen:
„Wie bitte? Ich bin seine Mutter! Natürlich habe ich ein Recht zu erfahren, was mein Sohn hinterlassen hat!“

„Nein“, entgegnete der Notar knapp, drehte das Dokument zu sich und deutete zur Tür. „Sie nicht. Bitte gehen Sie. Sofort.“

Julia Roth saß reglos auf dem Stuhl, die Hände ineinander verschränkt. Ihr Blick verlor sich im trüben Apriltag hinter der Fensterscheibe. Vor sechs Monaten war Markus mitten in der Backstube zusammengebrochen – zwischen dem Duft von Hefegebäck und Vanille. Ein gelöster Thrombus, hatten die Ärzte gesagt. Es sei augenblicklich geschehen. Bis heute fühlte es sich unwirklich an, als könnte er jeden Moment zur Tür hereinkommen. Doch statt trauern zu dürfen, war sie hierher gedrängt worden, weil Schwiegermutter und Schwägerin keine Geduld aufbrachten.

Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss, als Elisabeth Winter schließlich hinausging.

Der Notar öffnete den Umschlag.
„Clara Fuchs. Sagt Ihnen der Name etwas?“

Julia schwieg. Der Name weckte keinerlei Erinnerung. Der Notar musterte sie prüfend.

„Nein“, antwortete sie leise.

„Ihr Mann hat vor einem Jahr sein Testament geändert. Achtzig Prozent seines Unternehmens sowie sämtliche Ersparnisse gehen an Clara Fuchs. Außerdem an zwei minderjährige Kinder – Finn Köhler und Emily Gross. Für Sie sind die gemeinsame Wohnung und das Wochenendgrundstück vorgesehen. Ihre Schwiegermutter und Frau Walter erhalten alte Aktienanteile, die faktisch kaum noch Wert besitzen.“

Julia hörte jedes Wort, doch ihr Verstand weigerte sich, sie zu begreifen. Clara. Zwei Kinder. Die Gedanken fügten sich nicht zusammen. Markus war nie spät heimgekommen. Er hatte sein Telefon nicht versteckt, sie nicht angelogen.

„Geben Sie mir die Adresse“, sagte sie schließlich mit kaum hörbarer Stimme.

Der Notar reichte ihr einen Zettel. Ein Haus im Außenbezirk, jenseits der Stadtgrenze. Julia faltete das Papier sorgfältig und steckte es in die Manteltasche.

Kaum trat sie ins Freie, stürzten Elisabeth und Sandra auf sie zu wie hungrige Krähen.
„Und? Was steht drin? Wie viel bekommen wir?“

Julia ging wortlos an ihnen vorbei. Sandra packte sie am Arm und zwang sie, sich umzudrehen.
„Bist du taub? Antworte!“

„Fast nichts“, sagte Julia ruhig und sah ihr direkt ins Gesicht. „Ihr bekommt so gut wie nichts.“

Am nächsten Tag erschienen sie in ihrer Wohnung. Elisabeth Winter hatte auf dem Sofa Platz genommen wie eine Richterin kurz vor der Urteilsverkündung. Neben ihr saß Sandra, und am Tisch lümmelte ein Mann mit zerknitterter Jacke, der sich als Anwalt vorstellte.

„Wir werden das Testament anfechten“, verkündete die Schwiegermutter scharf. „Markus war nicht bei klarem Verstand. Irgendeine Person hat ihn manipuliert und ihm das Geld abgeknöpft. Und wir sollen das einfach hinnehmen?“

Julia stand am Fenster, den Blick nach draußen gerichtet, und schwieg.

„Ich habe bereits Zeugen“, mischte sich Sandra ein und wedelte mit einem Blatt Papier. „Der Nachbar bestätigt, dass mein Bruder sich in den letzten Monaten merkwürdig benommen hat. Und ein ehemaliger Bäcker aus der Firma sagt aus, Markus sei ausfallend geworden, habe Mitarbeiter angeschrien.“

Julia drehte sich langsam um. „Gegen Bezahlung werden sie alles behaupten, nicht wahr?“

Sandra hob trotzig das Kinn. „Was spielt das für eine Rolle? Entscheidend ist, dass das Gericht das Testament für ungültig erklärt. Du bist seine Ehefrau, Julia. Es ist deine Pflicht, sein Andenken zu verteidigen!“

Julia ließ den Blick auf Elisabeth Winter ruhen. Sie saß da mit einer Miene, die keinerlei Regung preisgab.

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