„Gott segne dich, Marlene!“ sagte er und ließ ein paar Münzen klimpernd zurück

Diese selbstlose Geste war zutiefst berührend und rätselhaft.
Geschichten

Die drei hockten sich dicht nebeneinander auf die wackligen Kunststoffhocker. Anfangs schlangen sie das Essen hastig hinunter, beinahe panisch, als fürchteten sie, man könne es ihnen wieder wegnehmen. Nach einigen Bissen jedoch wurden ihre Bewegungen langsamer. Es war, als begreife ihr Körper erst allmählich, dass diesmal wirklich etwas im Magen ankommen würde – und bleiben durfte.

Marlene Klein beobachtete sie schweigend. In ihrer Brust staute sich ein Druck, der sie selbst überraschte. Vielleicht rührte er von der Erinnerung an ihren eigenen Sohn her. Vielleicht von der Erschöpfung, die sich über die Jahre angesammelt hatte. Oder von dem schmerzhaften Gedanken, dass kein Kind so essen sollte, als ginge es um die letzte Mahlzeit seines Lebens.

„Wie heißt ihr?“ fragte sie schließlich und bemühte sich, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen.

Die Jungen warfen sich unsichere Blicke zu.

„Ich bin Leon Möller“, sagte der Älteste.

„Theo Simon“, murmelte der in der Mitte.

„Und ich heiße Ben Hartmann“, ergänzte der Jüngste leise.

Marlene nickte bedächtig. Sie prägte sich die Namen ein, als bewahre sie etwas Zerbrechliches, das nicht verloren gehen durfte.

„Und wo übernachtet ihr?“

Ihre Blicke sanken zu Boden.

„Mal hier, mal da … wo wir eben unterkommen“, flüsterte Theo.

Ihre Finger schlossen sich fester um den Suppenlöffel. Sie ließ den Blick über die Straße schweifen. Menschen gingen vorbei, kauften ein, redeten, lachten – ohne die drei Gestalten auf den Hockern auch nur wahrzunehmen. Ein junges Paar überquerte kichernd die Straße. Ein Mann im teuren Hemd verzog angewidert das Gesicht, als sei Armut ansteckend. In Marlene stieg ein heißer Zorn auf.

Da erklang hinter ihr eine Stimme, kühl und hart wie Granit.

„Marlene Klein, verteilen Sie schon wieder kostenlos Essen?“

Sie drehte sich um. Vor ihr stand Markus Meier, einer von denen aus dem Viertel, die auftraten, als gehöre ihnen jede Pflasterfuge. Er behauptete gern, beste Kontakte zu den zuständigen Stellen im Rathaus zu haben.

„Beschweren Sie sich bloß nicht, wenn am Ende das Geld fehlt“, fügte er hinzu und musterte die Jungen, als seien sie wertloser Abfall.

Die Drillinge erstarrten. Einer klammerte sich an seinen Teller, ein anderer verbarg das Gesicht hinter der Hand.

Marlene Klein richtete sich langsam auf, bereit zu antworten.

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