„Gott segne dich, Marlene!“ sagte er und ließ ein paar Münzen klimpernd zurück

Diese selbstlose Geste war zutiefst berührend und rätselhaft.
Geschichten

Ihr Haar war pechschwarz und zerzaust, die Wangen markant, als hätten Wind und Sorgen ihre Spuren hinterlassen. Sie wirkten wie Spiegel, die lange im Staub gelegen hatten – stumpf, aber nicht zerbrochen. Ihre Kleidung hing schlaff an schmalen Schultern, viel zu weit, als stamme sie von jemand anderem, und die Turnschuhe waren so ausgelatscht, dass sie kaum noch Halt versprachen.

Keine Schulranzen, kein Erwachsener in Sicht – nur dieser unverkennbare, stille Hunger, der sie umgab wie eine zweite Haut. Marlene Klein betrachtete sie ohne theatrale Bestürzung. Sie schlug nicht die Hände über dem Kopf zusammen, sie jammerte nicht. Ihr Blick war ruhig, ernst – der Blick einer Frau, die Leid erkennt, weil es Teil der Wirklichkeit ist.

Etwa zwei Schritte vor ihrem Stand blieben die Kinder stehen. Sie trauten sich nicht näher. Der Junge in der Mitte fasste sich schließlich ein Herz, trat einen halben Schritt vor und fragte leise:
„Haben Sie vielleicht etwas, das Sie heute ohnehin nicht mehr verkaufen?“

Marlene verharrte, die Suppenkelle noch in der Luft. Diesen Satz kannte sie. Andere Kinder hatten ihn in anderen Sommern ähnlich ausgesprochen. Doch bei diesen dreien lag keine Berechnung in der Stimme, kein freches Kalkül – nur Scham.

„Habt ihr denn niemanden? Eine Mutter, einen Vater?“ fragte sie sanft, ohne Vorwurf.

Die Kinder tauschten einen Blick, als hätte die Frage sie unerwartet getroffen.
„Nein“, antwortete der Junge in der Mitte. Seine Stimme blieb erstaunlich fest. „Wir sind allein.“

Marlene schluckte. Ihr Blick wanderte zum Topf, zu den vorbereiteten Tellern, zur kleinen Dose mit Wechselgeld – dann wieder zu den Kindern. Der Junge rechts starrte auf seine Schuhe. Der links presste die Lippen aufeinander, als kämpfe er gegen Tränen an.

Sie atmete tief ein. Die Entscheidung, die sie traf, fühlte sich nicht heldenhaft an. Sie fühlte sich selbstverständlich an.

„Kommt her“, sagte sie und winkte sie näher. „Nur keine Angst. Ich beiße nicht.“

Zögernd traten sie heran, als erwarteten sie jeden Moment eine Zurückweisung. Marlene füllte drei kleine Portionen von dem, was noch im Topf war. Keine üppigen Teller, eher bescheiden bemessen – doch sie dampften. Und Wärme, wenn man hungrig ist, bedeutet mehr als nur Nahrung.

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