Mein Name ist Erika Schneider. Ich bin 55 Jahre alt und lebe in Heidelberg. Bis vor Kurzem war ich fest davon überzeugt, dass Mutterschaft für mich ein abgeschlossener Abschnitt ist – oder besser gesagt, dass ich ihn niemals erfahren würde. Mein Alltag war von Routinen geprägt: Arbeit, wenige Freunde, ein ruhiges Leben und die Erinnerungen an meinen verstorbenen Mann. Eine leise Melancholie begleitete mich oft.
Doch eines Tages kippte alles. Ein winziger Lichtschein, verborgen hinter kaum noch gehegten Hoffnungen. Ich war schwanger. Mit 55 Jahren. Für viele ein Wunder, für mich ein völlig unerwartetes Geschenk.
Als ich es meinen engsten Freundinnen erzählte, traf mich zuerst Ungläubigkeit, dann ehrfürchtiges Schweigen. Niemand hatte damit gerechnet – ich selbst am wenigsten. Doch das, was ich am Tag der Geburt erlebte, stellte alles bisher Dagewesene in den Schatten.
An jenem Morgen hielt ich mein Baby zum ersten Mal in den Armen. Ihre kleinen Finger klammerten sich an meinen Schlafanzug, ihr Atem war ruhig und warm. Alles wirkte vollkommen. Dann öffnete sich die Tür, und Thomas trat ein – ein Mann, der mir seit Jahrzehnten vertraut war. Er war der beste Freund meines verstorbenen Mannes und hatte mich oft begleitet, ohne dass wir jemals offen über unsere Gefühle gesprochen hätten.
Thomas sah das Neugeborene an, und sein Gesicht erstarrte. Da war es – dieses Abbild von ihm in unserem Kind. Dieselben Augen, dieselben Lippen. Sein Atem ging stoßweise.

„Erika… kann das wirklich meine Tochter sein?“ flüsterte er.
Ich nickte stumm.
Er nahm meine Hand, seine Stimme zitterte, als er sagte: „Du hättest mich einweihen müssen. Das ist auch mein Kind.“
In diesem Augenblick wurde mir klar, dass unsere Entscheidung nicht nur mich betraf. Doch Furcht hatte keinen Platz mehr. Leise fragte ich ihn: „Willst du bei uns bleiben?“
Er lächelte, fuhr sanft über das kleine Gesicht unserer Tochter und antwortete: „Das ist keine Frage.“
Lange Zeit hatte ich nur für mich gelebt, mich vor Abhängigkeiten gescheut und nicht an Zufälle geglaubt. Doch genau in diesem Moment begriff ich, dass das Leben seine eigenen Wege geht – und dass Wunder oft dann geschehen, wenn man sie am wenigsten erwartet.
Jetzt, mit unserer Tochter im Arm und Thomas an meiner Seite, weiß ich: Für einen Neuanfang ist es niemals zu spät.
